„Alles eine Frage von Nasen und Netzwerken…“

Rebecca Heisterhoff
7. Februar 2023
Lessons learned

Immer, wenn ich rausgehe, um über Digitalisierung im Handwerk zu sprechen, sprechen wir am Ende über Menschen. Wir beginnen bei digitalen Werkzeugen und enden bei Neugier und Mut, der Liebe zum Tun und zum Tüfteln, dem Blick auf unsere Umwelt. Das ist einerseits beruhigend in einer Zeit, in der die Menschlichkeit oft zu kurz zu kommen scheint. Andererseits ist es aber auch ein sicheres Indiz dafür, dass beim digitalen Wandel die Menschen nicht auszuklammern sind. Jedenfalls wundert es mich kein bisschen, dass ich nach zwei Stunden bei der Stamos GmbH in Grevenbroich in mein Auto steige und denke: Eigentlich haben wir die ganze Zeit über Freundschaft gesprochen. Über Freundschaft und Kollegialität.

Der Mann mit dem Talent zur Freundschaft heißt Alex Stamos und ist kein Unbekannter im nordrhein-westfälischen SHK-Handwerk. Das liegt an seinem Erfolg, seinem Ehrgeiz, seinem Willen – und vielleicht auch ein klitzekleines bisschen am guten Kaffee und dem Ouzo in seinem Kühlschrank. Wer ihn länger kennt, weiß, dass ihn sein Anspruch nicht hat hart werden lassen. Im Gegenteil.

Einer, der das ganz sicher bestätigen kann sitzt heute gleich neben ihm: Alfred Jansenberger. Er ist stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Fachverband SHK NRW. Zuletzt waren die beiden Teil des DigiWerk-Projektes. Gemeinsam mit der Universität Düsseldorf, der Universität zu Köln und weiteren Partner:innen aus der Praxis haben sie erforscht, wie Digitalisierung für das Handwerk leichter gemacht werden kann.

Was Alfred Jansenberger und Alex Stamos verbindet: ihr Interesse an gutem Handwerk. Und die Frage: Wie gutes Handwerk vermitteln in einer Zeit, in der so vieles unsicher ist und immer weniger junge Leute im Handwerk ihren Weg machen wollen.

Alex Stamos wollte. Und das von Anfang an. Vor 25 Jahren hätte er zwar im Blaumann vor uns gesessen, anstatt im Hemd, aber der Wille war damals schon da. „Als ich mich in den 1990er-Jahren selbstständig gemacht habe, lief alles noch etwas anders“, erinnert sich Alex. „Da gab es in einem Dorf sieben oder acht Installateure und du musstest um jeden Auftrag kämpfen. Da ging es eigentlich nur um Geld, nicht darum, dass du der Beste oder der Schönste bist. Im Idealfall warst du der Billigste.“

Für Alex von Beginn an eine klare Sache: der Billigste sein kommt nicht infrage. „Da hatte ich keinen Bock drauf. So bin ich nicht vom Naturell her und das werde ich nie sein.“ Die Alternative: der Beste sein. „Für mich war klar, wenn ich die Anlage verlasse, gibt es keinen, der das besser hätte bauen können als ich“, so Alex. Inklusive Kellertreppen fegen im Herbst, auch wenn das Laub streng genommen nichts mit dem eigentlichen Auftrag zu tun hatte. „Und wenn du jetzt auf Kunden triffst, die genauso Qualitätsfetischisten sind – die gab es ja immer schon – die haben das gefeiert mit mir. Und dann haben die natürlich gesagt, mein Nachbar braucht auch so ein Ding.“ Und so fing es an. Mit Mund-zu-Mund-Propaganda. Mit Sätzen, wie: „Du brauchst gar keinen anderen anzurufen. Der Junge macht das hier.“ Und dann war das gesetzt.

Dass der Junge das schon macht, war auch Alfreds erster Eindruck. „Wir haben uns kennengelernt, da ich war der Prüfer von Alex beim Energieberater-Lehrgang“, berichtet er mit Blick in die Vergangenheit. „Und da gab es auch einen Teil Marketing mit abschließendem Multiple-Choice-Test und mündlicher Prüfung. Ich bin ausgebildeter Lehrer. In der Prüfung habe ich gemerkt: Der hat ja gar keine Ahnung von der Theorie! Aber die Beispiele, die er bringt, die sind genial.“ Seitenblick zu Alex: „Das habe ich dir noch nie so gesagt, oder?“ Alex lacht und schüttelt den Kopf. „Aber du kannst das ruhig erfahren“, fährt Alfred fort, „jedenfalls waren die Beispiele so toll, so erstaunlich. Technisch ist er absoluter Fachmann, absolut akkurat; aber Marketingtheorie ist halt auch öde. Damals habe ich mir den Stamos geistig auf so eine Liste gesetzt und mir gedacht: Den musst du im Auge behalten. Das wird noch spannend.“

Später haben sie sich dann im betriebswirtschaftlichen Arbeitskreis des Fachverbands SHK NRW wiedergetroffen. Da werden immer Betriebe gesucht, die ein bisschen abseits der ausgetretenen Pfade Dinge ausprobieren. Das ist jetzt bestimmt zehn Jahre her. Und natürlich wandelte Alex Stamos auf ungewöhnlichen, teils digitalisierten Pfaden. Inzwischen mit einem größeren Team.

Stamos GmbH Grevenbroich in der Werkstatt
Elias Hunke, Alexander Stamos und Alfred Jansenberger im Gespräch.

„Die große Schwierigkeit ist, deinen eigenen Anspruch auf jede und jeden in deinem Betrieb zu übertragen“, sagt Alex. „Dabei ist es erstmal egal, ob du Prozesse und Abläufe digitalisiert hast oder nicht. Denn wenn ich schlechte Abläufe digitalisiere, habe ich schlechte digitale Abläufe. Dein Team muss die gleichen Ideen von Qualität, Verbindlichkeit und Kundenbeziehung bekommen, wie du sie hast. Das ist halt schwierig, man muss sich Zeit nehmen.“

Alex nimmt sich gerne Zeit: „Am besten man schreibt einfach vorher mal alles detailliert auf, was so ineinandergreifen muss jeden Tag. Und das Schöne ist, du kannst das neuen Mitarbeitenden einfach mal zum Einstieg präsentieren. Die werden das nicht verstehen. Aber, wenn man das nach ein zwei Monaten mit Praxis gefüllt noch einmal gemeinsam durchgeht, dann wird es klar.“ Außerdem dauere es sonst viel zu lange, sich im Team zurecht zu finden. „2021 haben wir vier neue Lehrlinge bekommen. Da haben wir direkt am Anfang drei Tage Schulung gemacht“, erzählt Alex, und ergänzt: „Es kann ja nicht sein, dass die hier erst nach einem halben Jahr wissen, wie es läuft.“ Die Azubis fanden diesen Einstieg richtig gut. Und Alex hatte eine schöne Argumentationsgrundlage: „Du weißt doch, wie dein Job funktioniert. Wieso machst du den nicht? Wir haben darüber gesprochen.“

Jetzt muss Alfred lachen: „Ja, im Handwerk geht es am Ende immer um die Praxis. Die jungen Menschen müssen früher als Studierende lernen, Informationen in Handeln zu übersetzen und wirklich Verantwortung zu übernehmen. Es ist den Kolleginnen und Kollegen nicht egal, ob sie sich einbringen oder nicht.“ Das mache es auch schwieriger, ihnen etwas beizubringen. „Wenn du vor Studenten etwas machst, dann ist das immer drollig. Denen kannst du erstmal jede Theorie vorstellen. Bei Handwerkerinnen und Handwerkern geht das nicht. Weil die immer parallel mitdenken, wie das in der Praxis aussehen könnte. Was mache ich denn damit? Wieso? Wie geht das denn genau?“ „Das stimmt“, bestätigt Alex. „Die Kids kommen zu mir, und nach anderthalb Jahren hast du richtig erwachsene Menschen vor dir stehen. Weil die hier so viel Verantwortung bekommen. Ich habe eine junge Frau im Team, Kathrin. Der habe ich gesagt, ich erwarte von dir, dass du in einem Jahr selbstständig mit einem Servicewagen rausfährst und Micky Maus-Jobs übernimmst. Das macht die heute. Und zwar richtig gut.“

Je komplexer die Systeme werden, desto schwieriger wird es, die Fehler zu finden. Dafür brauchst du kluge Leute! Wir brauchen schlaue junge Menschen, die Bock haben, etwas zu bewegen.

Alex Stamos

Alex’ offene und zugewandte Art zeitigt nicht nur geschäftlich Erfolg – er wird wohl auch keinerlei Probleme mit einer Nachfolge für seinen Betrieb haben. „Tatsächlich habe ich einige junge Leute in meinem Team, die das Potenzial haben, zu führen. Da kommt es darauf an, ihnen zusätzlich zur Profession auch den Umgang mit den Kund:innen näher zu bringen. Nachdem sie dreieinhalb Jahre draußen waren, muss ich ihnen, zurück im Büro, erklären, dass wir auch spezielle Kunden haben. Dass manche einfach mal einen schlechten Tag haben, dass wir auch Kritikgespräche führen müssen. Ich bin dann auch ein bisschen Lebenscoach, weil, das brauchst du auch privat. Wenn du monatelang auch für die ausgefallensten Kundenwünsche eine Lösung gefunden hast, dann bringt dich das auch persönlich weiter.“ Das Schema, um Erfolg zu haben, sei immer das Gleiche: Kund:innen einfangen, verbindlich sein, gute Arbeit machen. „Heiko, unser Geschäftsführer, und ich, wir haben uns in der Kundenkommunikation schon so angeglichen, dass wir am Telefon nicht voneinander zu unterscheiden sind. Manchmal ist das gruselig. Aber, es funktioniert.“

Wie genau Alex persönlich Erfolg definiert? „Erfolg ist, wenn du nachmittags nach Hause fährst und glücklich bist. Ich freue mich einfach über meine Arbeit. Meine Frau Christina macht das glücklicherweise mit.“ Sie arbeitet mit im Betrieb und hat gelernt, ihren Mann machen zu lassen. Denn ihm selbst fällt es unheimlich schwer, sich aus dem Team heraus zu rechnen. „Ich brauche Leute, die den gleichen Biss haben, wie ich. Wenn ich dir sage, ich bin Montag um acht Uhr da, dann müsste ich schon im Koma oder unter der Erde liegen, um nicht dort zu sein. Oder, ich habe eine andere echt gute Ausrede.“

Schwierig wird es ohne ordentliche Ausrede. „Ich habe einen jungen Mann im Team, der war hier bereits als Lehrling, und der kam immer zu spät. Da der Rest gestimmt hat, haben wir daran gearbeitet.“ Das sah ungefähr so aus: Alex hat ihn angemault, mit seinen Eltern gesprochen, hat ihm einen Wecker geschenkt. „Es gab keinen Weg, das zu ändern. Und dann habe ich irgendwann gesagt: Okay, immer wenn du zu spät kommst, und wenn es nur eine Sekunde ist, kannst du an dem Tag Urlaub machen.“ Das hat funktioniert. Heute ist der Kollege im dritten Jahr Geselle. „Der hat sich völlig gedreht. Dem ist nichts mehr egal. Der weiß genau, worum es geht. Wenn er jetzt mal zu spät kommt, dann weiß ich, dass er sich reinhängen wird den Rest des Tages.“ Und eigentlich lacht und spricht und plant Alex ohnehin lieber mit seinem Team, anstatt streng zu sein.

Verstecken ist bei Stamos trotzdem schwierig. Es gibt Teambesprechungen, Jahreszielvereinbarungen, manchmal nimmt man sich gegenseitig zur Seite. Im Prinzip hat die Digitalisierung hier mit dazu geführt, dass alle auf demselben Niveau, mit derselben Kollegialität, für alle im Team arbeiten müssen. Ein gutes Beispiel dafür ist die Einführung eines Telematik-Systems gewesen.

„Ich hatte einfach die Nase davon voll, dass Kunden Abrechnungen reklamieren, weil die Arbeitsstunden angeblich falsch angegeben sind. Meine Kolleginnen und Kollege also nicht so lange gebraucht haben, wie angegeben“, erklärt Alex seine Entscheidung. „Das konnte ich nicht nachprüfen. Und irgendwann war das einfach nicht mehr ok.“ Und bestimmt ein Mal im Quartal kam dieser Anruf: „Sind Sie Herr Stamos? Ja? Prima. Dann hören Sie mal, vorhin hat mir eines Ihrer Autos die Vorfahrt genommen. Ich zeige Sie an!“

Was sich so leicht anhört, mal ein Telematik-System einführen, war in der Realität harte Kost. Es handelt sich um nicht weniger als ein Tracking-System. „Als ich das im Team verkündet habe, waren alle gegen mich. Niemand im Team konnte das nachvollziehen. Auch nicht, nachdem ich meine Argumente vorgebracht habe“, erzählt Alex. „Heute kann ich darüber lachen. Seinerzeit war das aber gar nicht witzig! Wenn ich jetzt heute einen beraten müsste, würde ich sagen: du kannst das machen, aber du musst damit rechnen, dass 50 % deiner Mitarbeitenden kündigen werden. Trotzdem ist das gut für dich, denn das sind im Zweifel 50 % Pflaumen, die dich eh betrügen.“

Bei Stamos sind immerhin zwei Mitarbeitende gegangen: „Die hatte ich ohnehin im Visier. Der eine war permanent woanders. Der andere war immer dann krank, wenn er in der Tourenplanung Projekte entdeckt hat, auf die er keine Lust hatte.“ Im Prinzip sei es doch so: „Wer nicht ehrlich ist, der wird das Unternehmen verlassen. Weil: Du holst die faulen Eier aus der Komfortzone heraus. Und die, die ehrlich sind, werden anfänglich ein komisches Gefühl haben und sich daran gewöhnen. Es hat auch Gespräche gegeben, da habe ich gesagt, pass mal auf, das mache ich nicht wegen dir. Sondern weil ich wissen will, wo mein Auto ist. Die meisten haben dann die App gesehen und fanden die selbst richtig gut.“

Apropos faule Eier: Netzwerken. Viele Kolleg:innen seien zu faul dafür. Alex hat sich in Fahrt geredet. Alfred schmunzelt. „Wir fahren zur SHK-Messe nach Essen, nach Frankfurt. Warum? Weil wir so die Gelegenheit haben, Händler persönlich kennenzulernen. Selbst zu sehen: Passen Produkt und Nase zu mir? Zu meinem Unternehmen?“ „Richtig“, wirft Alfred ein, „alles eine Frage von Nasen und Netzwerken! Plus: Du musst dich nicht darauf verlassen, dass dein Großhändler dir die Neuigkeiten vorstellt.“  „Genau“, stimmt Alex zu, „Und wenn du das 25 Jahre so machst, hast du irgendwann auch Freunde. Also, ich rede hier von richtigen Freundschaften. Wo ich den Außendienst nachts anrufen kann und der andere geht dran und fragt: Was haste? Das muss man wollen. Das muss man ernst meinen. Und ein Gefühl dafür entwickeln, ob das Gegenüber es auch ernst meint mit dir. Alfred und ich, wir sind befreundet. Wenn der mich nachts anruft und aus München abgeholt werden muss, dann setze ich mich in mein Auto und fahre los.“ Einvernehmliches Nicken. „Ja, am Ende geht es um Ernsthaftigkeit, um Beziehungen und um gegenseitige Verbindlichkeit. Das merkt auch das Team.“

Und wir sehen wieder einmal: Es gibt Dinge, die kann man einfach nicht digitalisieren. Und das ist auch gut so.

Sollten Sie trotzdem den Wunsch haben, sich die wirklich praxisorientierten Ergebnisse des DigiWerk-Projektes genauer anzuschauen, dann können Sie das hier tun: www.handwerkwirddigital.de. Nicht nur interessant für das SHK-Handwerk! Versprochen.

Mehr zu Alex Stamos und seinem Team finden Sie hier: https://www.stamos.de.

Alfred Jansenberger können Sie hier kontaktieren: https://www.shk-nrw.de.

Handwerk Digitalisierung
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