Wie geht digitale Materialbeschaffung in diesen Zeiten, Michael Lücke?

Rebecca Heisterhoff
8. Mai 2023
Interview

Nach fünf Minuten im Gespräch mit Michael Lücke ist eines schon mal klar: Meine ganze kluge Interviewvorbereitung mit Fragen zu Lieferengpässen und Materialknappheit, zum Lieferkettengesetz, unternehmerischer Verantwortung oder auch zu Nachhaltigkeitsstrategien kann ich vergessen. Der Diplom-Logistiker vom Fraunhofer Institut für Materialfluss und Logistik ist im Kopf bereits ganz woanders. Oder sagen wir: weiter.

In welche digitalen Welten das führt, ob Chat GPT eine Mutter hat und was Michael Lücke am Samstagvormittag macht, können Sie hier lesen. Und tatsächlich haben wir es wie nebenbei auch geschafft, alle Aspekte meines Fragebogens zu behandeln.

Handwerk-Digital.NRW: Erst Corona, dann Lieferengpässe, Rohstoffmangel, Preissteigerungen. Jetzt sind das Lieferkettengesetz und der Europäische Green Deal da. Wie würden Sie die aktuelle Situation des Handwerks einschätzen?

Michael Lücke: Gerade stehen wir im Handwerk, dadurch, dass die Auftragslage so hoch volatil ist, und aufgrund des Fachkräftemangels, oft vor dem Problem, dass Aufträge nicht so durchgeführt werden können, wie es geplant ist.

Dazu kommt noch, dass wenn dann mal ein Handwerker im Haus ist, die Kundinnen und Kunden sagen: Übrigens, hier habe ich auch noch ein Problem. Und hier auch. So kommt es zusätzlich zu ganz vielen spontanen Bedarfen. Oftmals ist es ja so: Der Handwerker kommt vorbei und will die Heizung reparieren. Die Pumpe ist kaputt. Die hat er natürlich nicht dabei, logischerweise. Normalerweise fährt er wieder, bestellt die Pumpe, kommt drei Tage später mit der neuen Pumpe wieder zurück, baut die ein und fertig.

Das ist heute so gar nicht mehr möglich, weil die Terminlage so ein Arbeiten nicht mehr zulässt. Also ziehen sich manche Aufgaben über Wochen. Die Materialbedarfe werden immer spontaner und das macht die Sache nicht besser. Im Gegenteil, nun kommen die Handwerker gar nicht mehr hinterher. Oft fahren sie viel und oft ‚umsonst‘ zum Kunden, um erst einmal festzustellen: Was brauchen wir überhaupt für Material?

Zusammenfassend kann man es so sagen: Es hapert an einer verlässlichen Arbeitsplanung. Dafür kann der einzelne Handwerksbetrieb nicht unbedingt etwas. Oftmals ist eine langfristige Planung gar nicht möglich. Und jede Fahrt umsonst ist natürlich auch eine Zeitvergeudung umsonst. Also, mit dem Wissen, ich bringe die Pumpe gleich mit, spart er sich drei Tage vor Einbau die Fahrt, um erstmal das Problem festzustellen.

Dazu kommt, dass die Lieferzeiten für viele Materialien und Rohstoffen extrem lang geworden sind. Also zum Beispiel Stahl, da hat sich nicht unbedingt die Lieferzeit innerhalb des Handwerks verlängert, aber die Lieferzeit des Herstellers. Die warten zum Teil auf Stahl länger als noch vor ein paar Jahren. Zusätzlich zur verringerten Verfügbarkeit haben sich noch die Preise erhöht, auch unabhängig von der Corona-Pandemie oder dem Krieg in der Ukraine.

Handwerk-Digital.NRW: Jetzt sprechen Sie einen Aspekt an, der mir so gar nicht klar war. Also, dass das Problem quasi schon losgeht, bevor überhaupt ein Handwerker mit dem Servicewagen losgefahren ist. Da kommt mir so etwas in den Kopf wie Neuausrichtung der Kundenkommunikation, unterstützt durch Augmented Reality oder einen Videocall, und die Kundinnen und Kunden zeigen mal von zuhause aus, wie sich das jeweilige Problem darstellt. Wäre das ein Ansatz?

Michael Lücke: Ja, das hoffen wir sogar! Wir arbeiten gerade an einem Forschungsvorhaben, das nennt sich „Minerva“, im Auftrag des Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF). Oder, ich fange mal früher an, bevor wir bei Minerva landen: Wir hatten ein Forschungsvorhaben mit dem Namen Athene 4.0 (ebenfalls BMBF). Athene wurde vor einem Jahr abgeschlossen. Da ging es um Digitalisierung der Arbeitsabläufe im Handwerk. Warum Athene? Athene ist die griechische Göttin des Handwerks. So, jetzt haben wir ein Fortführungsprojekt, das haben wir nach der römischen Göttin Minerva genannt. Warum Minerva? Minerva ist die römische Göttin des Handwerks. Also haben wir uns von der griechischen Antike in die römische vorgearbeitet und wenn wir so weiterarbeiten landen wir mit der Bezeichnung von Forschungsvorhaben auch irgendwann in der Gegenwart. Noch sind wir aber bei antiken Göttinnen.

Handwerk-Digital.NRW: Ich finde das sehr charmant!

Michael Lücke: Ja, ich auch. In der Verwaltung hat man mich schon lachend darauf hingewiesen, dass meine Forschungsprojekte alle Frauennamen tragen. Minerva kümmert sich, auf der Basis von Athene, also der Digitalisierung von Arbeitsabläufen (also Projektanlage, Projekt- und Werkzeug- sowie Material- und Personaleinsatzplanung) darum, die Möglichkeiten von sowohl Augmented Reality (AR) als auch von Künstlicher Intelligenz einzusetzen. Genau das ist eines der hauptdefinierten Anwendungsfelder, die wir zusammen mit unseren teilnehmenden Handwerksbetrieben und Handwerksorganisationen festgestellt haben.

Da geht es exakt um das, was Sie gerade ansprachen: Im Vorfeld die Kommunikation mit dem Kunden zu verbessern. Das geht zum Beispiel über Chatbots, also Künstliche Intelligenz (KI). Chat GPT 3 ist ja gerade in aller Munde. Das Programm „entwickelt“ gerade sogar ein bisschen Humor in seinen Antworten. Mittels eines Chatbot kann man jedenfalls so die Kommunikation mit seinem Kunden aufbauen, dass man dank Antworten und Nachfragen bereits so viel Wissen im Vorfeld erhält, dass die Problemstellung und der daraus entstehende Materialbedarf eingekreist werden kann.

Das kann ein Handwerksbetrieb sicherlich auch am Telefon leisten. Nur dauert das lange und bindet Personal. Außerdem ist der Kunde dank Chatbot in der Lage, sein Anliegen zu jeder Tages- und Nachtzeit vorzubringen, ist nicht auf Öffnungszeiten angewiesen. Er kann sich mit dem Chatbot darüber unterhalten, wo das Problem liegt. Der Chatbot fragt nach, wenn er noch Genaueres wissen will. Dazu braucht man im Hintergrund eine KI. Da sind wir gerade dabei, so etwas zu entwickeln. Derzeit haben wir im Moment ein allererstes Demo-Tool, was wir mit Sicherheit auch bald öffentlich vorstellen werden.

Handwerk-Digital.NRW: Das klingt nach einer sinnvollen Sache. Und woran denken Sie bezüglich Augmented Reality, also Erweiterter Realität?

Michael Lücke:  Alle denken bei AR und VR (Virtual Reality) an diese klobigen, überdimensionierten Brillen, die man sich aufsetzen muss und die zudem einen validen vierstelligen Betrag kosten. So eine kostspielige Brille kann ja jetzt nicht jeder Mensch zuhause liegen haben und sagen: Juhu, mein Handwerker schaltet sich mal eben auf meine 4.000 Euro-Brille auf! Aber, es gibt mittlerweile Lösungen, die es ermöglichen, dass man Smartphones ab einer gewissen Generation dafür nutzen kann. Die schiebt man dann in kleine dafür vorgesehene Papphalterungen; erinnern wir uns an diese rot-grünen Papp-3D-Brillen, die es mal für das Kino gab – so in die Richtung geht das. Oder eben in Richtung Kunststoffvorrichtungen, die man sich so vors Auge setzen kann. Die sehen ähnlich aus, wie die größeren 4.000 Euro-Brillen. Nur, dass die eben über das Smartphone Bilder aufnehmen. Das Smartphone dient als Schnittstelle zur Augmented Reality. Da kann sich der Handwerker dann per App draufschalten. Sie können dem Handwerker also zeigen: Hier tropft mein Wasserhahn. Diese Anzeige hat gerade meine Heizung, die defekt ist. Oder was auch immer gerade das Problem ist. Und so kann der Handwerker erkennen, was los ist, was er vielleicht für Ersatzteile braucht und welche Anlage im Einsatz sind. So kann von überall und zu jederzeit miteinander in Kontakt getreten werden. Er muss nicht vor Ort sein.

Das sind genau diese zwei Möglichkeiten, die wir gerade in Minerva bearbeiten, um dem Handwerk das Leben leichter zu machen.

„Wir brauchen die großen Schritte, nicht mehr die kleinen.“

Michael Lücke

Handwerk-Digital.NRW: Okay, das heißt, dass Sie eine bereits vorhandene Technik niederschwellig, kostengünstig für das Handwerk anwendbar machen möchten.

Michael Lücke: Genau. Und gerade Chatbots, die kennen vermutlich die meisten Menschen bereits, wenn Sie sich im Internet bewegen. Auf vielen Websites erscheint da inzwischen selbstverständlich ein Fenster und sagt: Hallo, Sie können auch mich fragen! Der Vorteil ist, so ein Chatbot ist einmal programmiert und danach für das Handwerk nutzbar. Klar, es gibt unterschiedliche Anforderungen, je nachdem, ob ich ihn im Elektrobereich oder Sanitär-Heizung-Klima oder sonst wo einsetzen will, aber im Prinzip ist es die gleiche Anwendung. Natürlich muss die KI mit viel Wissen ausgestattet werden und man braucht ein rechtssicheres Datenmanagement, aber das geht. Genauso ist es mit der AR-Lösung. Die erwähnten AR-Brillenvorrichtungen für Ihr Smartphone bekommen Sie für einen geringen zweistelligen Betrag und dann können Sie die für verschiedene Sachen nutzen. Diese Papphalterungen gibt es sogar schon für unter zehn Euro. Das kann sich jeder Haushalt leisten und ist vor allem dann lohnend, wenn man es mit vielen unterschiedlichen Gewerken zu tun hat. Die App ist überall die gleiche, man muss nur seine Freigabe erteilen und der Handwerker sieht das, wovor der Kunde steht.

Handwerk-Digital.NRW: Vor allem muss man als Kundin nicht ewig viele Termine machen, bei denen man eventuell lange wartet. Das könnte man prima nebenbei erledigen.

Michael Lücke: Und jetzt stellen Sie sich mal vor, man hätte auch noch eine Schnittstelle zum Großhändler, der sagt, das benötigte Ersatzteil habe ich da. Oder er sagt: Das habe ich nicht da, aber ich habe eine Alternative. Vielleicht bringt er das Teil mit seinem E-Bike oder Lastenfahrrad auch direkt zum Kunden. Klimafragen und Nachhaltigkeit sind ja auch Themen derzeit. Oder man könnte direkt mit mehreren benötigten Gewerken gleichzeitig Absprachen treffen und das alles, ohne dass dafür rausgefahren werden müsste. Oder noch einfacher: Wenn Ihre Heizung die Fehlermeldung gibt, das im System Wasser fehlt und diese Geschichte ist leicht zu beheben. Da könnte der Kunde einfach per Fernunterstützung die Fehlerbehebung oder leichtere Reparaturen selbst durchführen. Dazu muss dann auch niemand rauskommen. Dann kostet so etwas eben auch nicht mehr 90 Euro, sondern nur noch 40 Euro. Aber der Handwerker war auch nicht unterwegs dafür. Das macht allen Beteiligten das Leben leichter. Also, es gibt eine ganze Menge Anwendungen für neue Technologien, die hilfreich und effizient für den Betrieb sind und dabei auch einen Service für den Kunden darstellen. Denn er muss nicht erst warten bis der Handwerker kommt und dann auch noch ohne Material.

Handwerk-Digital.NRW: Okay, dann spiele ich jetzt mal die Bedenkenträgerin und frage: Nehmen wir an, die Auftragslage wird wieder schlechter und ich möchte gerne wieder mit meinem Servicewagen und Vor-Ort-Inaugenscheinnahme Geld verdienen – dann kann ich die Uhr ja nicht mehr zurückdrehen…

Michael Lücke: Wenn eine einfache Reparatur daran scheitert, dass ich keinen Handwerker bekomme, dann ist das zu jeder Zeit Mist. Mein Sohn würde übrigens gleich anfangen YouTube-Videos zu suchen, um einen kleinen Schaden selbst zu beheben, anstatt überhaupt nach einem Handwerker zu schauen.

Im Prinzip stellen Sie da die Frage nach einer Entwicklung, die wir beim Onlinehandel bereits vollzogen haben. Irgendwann dreht man eine Uhr nicht mehr zurück. Und es sieht ja nicht so aus, dass sich der Fachkräftemangel kurzfristig auflöst. Danach sieht es sogar ganz und gar nicht aus. Wenn wir da nichts tun, zieht die Digitalisierung – und wir sagen, damit eben auch die Virtualisierung mit KI, AR und VR – einfach über uns hinweg. Und wenn das Handwerk sich abhängen lässt, ich glaube, dann gibt es ein ganz großes Problem.

Ja, ich verstehe die Bedenken. Aber wir haben inzwischen vier industrielle Revolutionen durchlaufen in den letzten 200 Jahren. Jede davon begleitet von Fragen nach Arbeitsplätzen und Auftragsvolumina. Aber jede dieser industriellen Revolutionen hat uns auch einen enormen Sprung in unserem Wohlstand gebracht, so dass ich auch dieser Entwicklung grundsätzlich erst einmal positiv gegenüberstehe. Okay, muss ich als Mitarbeiter der Fraunhofer Gesellschaft vielleicht auch, ist sehe das allerdings tatsächlich so. Und, davon bin ich ebenfalls überzeugt, die Betriebe, die das nicht mitmachen, die werden im Endeffekt darunter leiden.

Handwerk-Digital.NRW: Okay, aber Photovoltaik fürs Dach und die neue Wärmepumpe, das versuche ich besser nicht komplett allein. Da brauchen wir auch künftig einfach Profis vom Fach.

Michael Lücke: Gut, da sprechen wir jetzt nicht von einer Reparatur, sondern von einer großangelegten Installation. Stellen Sie sich vor, Sie wollen nicht nur Photovoltaik, sondern auch ein begrüntes Dach. Dann brauchen Sie vermutlich einen Fassadenbauer, einen Maler, Zimmerer, Dachdecker zur Verstärkung der Dachkonstruktion, Elektriker, evtl. Innenausbauer, zur Neuverlegung von Kabeln, Leitungen oder Rohren – da haben Sie ganz schnell fünf, sechs Gewerke im Boot.

Auch da kann Ihnen KI im Bereich des Projektmanagement helfen, diese Gewerke überhaupt zusammenzubringen. Und nicht nur zusammen, sondern die KI weiß vielleicht auch von Fördermitteln für begrünte Fassaden und weist Sie darauf hin. Im Idealfall schickt sie Ihnen das benötigte Formular und wenn Sie es ausgefüllt haben, bearbeitet sie das weiter und stellt es zu. Denn das ist Ihre KI, und die nimmt Ihnen das ab. Davon profitiert dann der Kunde auch finanziell.

Handwerk-Digital.NRW: Während meiner Gesprächsvorbereitung bin ich über unterschiedliche Ansätze zur Optimierung von Materialbeschaffung gestoßen. Neben den üblichen Empfehlungen zu ERP-Software gab es in einem Podcast auch die Empfehlung, sich mit Kanban-Boards und Kooperationstools in Sachen Eigenorganisation und Teamkoordination effektiver aufzustellen. Und Sie sind schon bei einer KI-unterstützten Förderantragstellung! Was würden Sie den Leuten denn jetzt raten? Wo anfangen?

Michael Lücke: Ich weiß jetzt gar nicht, wie ich das sagen soll, ohne dass ich jemanden vors Schienbein trete. Es gibt natürlich sehr viele Lösungen, um die eigenen Ressourcen optimal zu planen. Naja, Kanban-Boards; die spielten Mitte der 80er Jahre eine Rolle. Die haben sich damals schon nicht durchgesetzt im Handwerk. Was wollen Sie denn mit einem Kanban-Board beim Bäcker oder im Friseurbetrieb? Diejenigen Betriebe, die über so etwas sprechen, haben oft schon industriellen Charakter. Also, ich sag mal, Betriebe, die Zäune herstellen und noch gerade so unter Handwerk laufen und 60 Mitarbeitende im Team haben. Aber auch da ist die Entwicklung der Effizienz- und Produktionssteigerung schon drüber hinweggezogen.

Handwerk-Digital.NRW: Vielleicht lassen sich an diesen oft sehr unterschiedlichen Empfehlungen auch einfach nur unterschiedliche Stadien der Digitalisierung und Digitalität im Handwerk ablesen. Also, einige Betriebe fahren zum Beispiel bereits sehr gut mit einer branchenspezifischen Teillösung einer ERP-Software, haben aber noch keine Berührung mit Projektmanagement gehabt. Oder, sie haben eine eigene Handwerker-App, aber noch keine Kalkulationssoftware.

Michael Lücke: Ja, genauso ist es. Wir haben einen Malermeister im Projekt, Markus Massmann, der in der Szene so ein bisschen als Digitalisierungsstar gilt. Er ist auch studierter Bauingenieur und Sachverständiger. Er macht alles mit kompletten ERP-Lösungen auf allen Geräten. Der weiß jederzeit, wo welche Mitarbeiter gerade im Einsatz sind und an welchem Auftrag dieser gerade arbeitet. Alles online und in Echtzeit. Und dann gibt es da so den typischen vier bis sechsköpfigen Handwerksbetrieb, dort sind die Mitarbeitenden froh, wenn sie ein dienstliches Handy haben. Da schickt man sich eventuell mal ein Foto von der Baustelle ins Büro. Das war es aber auch.

Digitalität, Digitalisierung, hat natürlich auch immer etwas mit Daten zu tun. Und damit auch mit der Datenschutzgrundverordnung. Wenn ich auf dem AR-Bild der Brille irgendetwas anderes als die Baustelle sehe, geht es ja bereits los. Ist der Hund, der im Hintergrund herumspringt, schon eine Verletzung des Persönlichkeitsrechtes? Es gibt noch wenig richtungsweisende Urteile dazu. Ich hatte letztens noch ein Seminar zu genau diesem Thema. Die ersten Klagen hängen derzeit offenbar auf der Amts- und Landgerichtebene. Bis es erste Grundsatzurteile dazu gibt, vergehen noch fünf bis zehn Jahre. Und wenn das da angekommen ist, wird das lange nicht so heiß gegessen, wie es gekocht wird.

Handwerk-Digital.NRW: Dennoch müssten Datenschutz- und Datensicherheit eigentlich an erster Stelle stehen. Oft suchen sich Betriebe allerdings erst ihre digitale Lösung, um den einen oder anderen Arbeitsprozess zu erleichtern. Im Laufe der Zeit kommen weitere Programme oder Anwendungen dazu. Und irgendwann weiß kein Mensch mehr, wie alle Anwendungen und Programme zu warten sind.

Michael Lücke: Genau. Dann gibt es natürlich auch Betriebe, die kaufen Software ein – oder stellen Mitarbeitende an – wo die Rahmenbedingungen nicht kompatibel mit den Standards des deutschen Kammersystems respektive unseren Lohnregularien sind. Digitale Lösungen müssen auch im Rahmen dessen bleiben, was wir als gute Arbeit ansehen. Gute Arbeit bedeuten eben auch gute Bedingungen und gute Entlohnung.

Handwerk-Digital.NRW: Gut, da sind wir jetzt im Bereich Arbeitgeberverantwortung.

Michael Lücke: Ja, und danach sind wir ganz schnell bei der Frage: Wer ist denn Betreiber von zum Beispiel Plattformlösungen? Egal, ob wir über KI, AR oder ERP-Softwarelösungen nachdenken. Da wurde sich lange Zeit gar keinen Kopf zu gemacht. Hauptsache: höher, bunter, weiter. Da wurde sich rein technisch orientiert. Das hat sich glücklicherweise geändert. Mittlerweile sind die Forschungsvorhaben der Ministerien so angelegt, dass auch Betreiberpflichten und Geschäftsmodellstrukturen mitgedacht werden.

Handwerk-Digital.NRW: Inzwischen gibt es bekannte Großhändler, die kleineren Betrieben genau diese Verantwortung abnehmen. Großhändler, die eine eigene Materialbeschaffungsinfrastruktur als Service anbieten. Von der Kalkulation über die Bestellung bis hin zur Angebotserstellung nehmen diese Dienstleister den Handwerksbetrieben alles ab. Haben Sie schon Erfahrungen damit gemacht? Beziehungsweise: Wissen Sie, ob sich viele Betriebe darauf einlassen?

Michael Lücke: Ja, es ist tatsächlich so, dass viele Betriebe aufgrund der Vereinfachung der Abwicklung, die sich dadurch ergibt, auch diese Anbieter-Bindung eingehen. Die kann man selbstverständlich jederzeit wieder kündigen. Man verliert vielleicht ein paar Prozente, wenn man bei diesem Großhändler doch mal wieder einkaufen wollte. Aber, davon abgesehen, macht man sich das Leben danach oft schwerer. Die Anbieter dieser Art von Software as a Service machen es den Betrieben allerdings auch verführerisch einfach.

Handwerk-Digital.NRW: Aber spätestens, wenn die diese Betriebe wachsen, brauchen sie diese Art von Dienstleistung nicht mehr, oder?

Michael Lücke: Meistens kommen diese Modelle, wie Sie gesagt haben, von den Großhändlern. Also noch nicht einmal von den Herstellern. Was ist denn, wenn jetzt Ihr Großhändler sein Sortiment verändert? Und wir kennen das ja aus dem Lebensmittelbereich, dass einige Lieferanten mit den Großhändlern oder Handelsketten in Schwierigkeiten geraten. Und dann ist da in Ihrem Lieblingssupermarkt keine Coca Cola mehr im Regal. Wenn das dem Handwerker passiert, der Ihre Heizung wartet, und der hat dann Ihre Heizung von Hersteller A nicht mehr im Programm, wie soll der dann künftig auf Ihre Heizung reagieren? Das einfachste für den ist, er bietet Ihnen eine Heizung von einer anderen Firma an.

Ja, und dann fragt man beim Nachbarinstallateur und der sagt: Natürlich kann ich das. Das ist ja keine Bösartigkeit, das ist halt die Gefahr, wenn man sich auf die falschen Geschäfts- und Betreibermodelle einlässt. Wenn Sie sich auf ein Rabattgeschäft mit BMW einlassen, dann dürfen Sie sich nicht wundern, wenn Sie keinen Mercedes vorgeschlagen bekommen. Und auch keinen Audi oder Škoda. Wenn Sie nach BMW ins Autohaus gehen, dann stehen die Chancen gut, dass man Ihnen einen BMW verkaufen möchte. Da haben die Händler, in dem Fall die Großhändler im Handwerk, schon eine gewisse Marktmacht.

„Wenn Sie sich auf ein Rabattgeschäft mit BMW einlassen, dann dürfen Sie sich nicht wundern, wenn Sie keinen Mercedes vorgeschlagen bekommen.“

Michael Lücke

Handwerk-Digital.NRW: Nun, wir sehen ja wohin wir mit dieser Art von Abhängigkeiten gekommen sind. Wenn das, was ich hier als Handwerksunternehmen an Material bekomme davon anhängig ist, was derzeit in China, den USA oder in der Ukraine passiert, dann müssen wir doch unsere Strategien überdenken.

Michael Lücke: Sie haben ja eingangs das Lieferkettengesetz genannt, was global greifen soll. Nur, ein Gesetz, was von Deutschland aus global greifen soll, macht die Sache jetzt auch nicht unbedingt einfacher.

Handwerk-Digital.NRW: Ja, das macht zumindest ein unternehmerisches Risiko nicht überschaubarer.

Michael Lücke: Mir hat kürzlich ein Handwerker berichtet, dass er einen Großauftrag an Land gezogen hat, für das er mit dem Kunden eine Frist von einem Jahr bis Baubeginn vereinbaren musste, um das Material zusammenzubekommen.

Handwerk-Digital.NRW: Eine nicht ausschließlich digitale Lösung wäre das Überdenken der eigenen Unternehmensstrategie – Stichwort: Nachhaltigkeit. Vielleicht versuche ich wieder verstärkt regional an meine Ressourcen zu gelangen? Denke über Ersatzbaustoffe nach oder wende die drei R – Reduce, Reuse, Recycle – auf meinen Betrieb an.

Michael Lücke: Das Handwerk wird sich mit Fragen der Nachhaltigket beschäftigen müssen. Das Lieferkettengesetz ist ja nur ein Ansatz unter mehreren für mehr Schutz von Menschenrechten und Ressourcen. Die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung der UNO und die Bestimmungen rund um den Green New Deal der EU machen nicht vor dem Handwerk halt. Klar ist allerdings, dass das ein einzelner Betrieb nicht alleine lösen können wird. Hier sind jetzt die Handwerksorganisationen gefragt Lösungen zu finden, die sie ihren Mitgliedsbetrieben anbieten bzw. empfehlen werden.

Es geht ja allein schon darum, dass demnächst die Banken gezwungen sein werden, Kredite nur dann zu vergeben, wenn sie den Nachhaltigkeitszielen entsprechen. Wie soll ein Betrieb das nachweisen? Noch kann der das nicht abbilden. Und die Banken werden die Betriebe da vermutlich nur wenig unterstützen. Im Moment gibt es da Initiativen, speziell auch aus dem NRW-Handwerk. Diese Themen sind wichtig, die können wir nicht mehr auf die lange Bank schieben. Es gibt zwar noch Übergangsfristen, doch auch die sind endlich. Und dann muss der Betrieb eine Möglichkeit haben, die anerkannt ist. Der einzelne Sechs-Mitarbeiter-SHK-Betrieb ist damit überfordert.

Handwerk-Digital.NRW: Vermutlich wird es da über kurz oder lang eigene DIN-Normen, Labels und Zertifikate zu geben.

Michael Lücke: Bestimmt: So etwas wie den „blauen Engel des Handwerks“. Genau darüber müssen wir nachdenken. Da kann auch Digitalisierung bei der Erhebung und Auswertung von Daten zur Ökobilanz helfen.

Handwerk-Digital.NRW: Das klingt jetzt alles schon so, als sei diese vielen Menschen bereits leidige Transformationsphase noch lange nicht vorbei, oder?

Michael Lücke: Das Handwerk beginnt da ja gerade erst! In der gegenwärtigen Situation ist das erwähnte Kanban Board längt kein revolutionärer Schritt mehr. Wir brauchen Systeme, die sofort nutzen, und das sehr niederschwellig. Wir haben nicht umsonst mit dem ZDH ein Memorandum of Understanding unterzeichnet. Die Wissenschaft war lange handwerksfrei. Die Wissenschaft war immer technisch und produktionsorientiert. Und das Handwerk hat immer gedacht, wir seien alle nur Theoretiker. Im Moment gibt es mit der Initiative Handwerk 4.0 neun vom Ministerium für Bildung und Forschung geförderte Projekte rund um das Handwerk der Zukunft. Da passiert ganz viel, nicht nur bezüglich KI und AR, auch Exoskelette, 3D-Druck, Robotik und anderes soll für das Handwerk nutzbar gemacht werden. Sie müssen mal überlegen, was Sie alles tun könnten, wenn Sie einen dritten Arm hätten!

Handwerk-Digital.NRW: Naja, ich hab jetzt schon Probleme mir vorzustellen, wo dieser sinnvoll anzubringen wäre…

Michael Lücke: Abgesehen davon, stellen Sie sich mal vor, Ihr Heizungsmonteur käme vorbei und hätte einen dritten Arm dabei. Der könnte Aufgaben ganz anders, schneller und damit für Sie kostengünstiger erledigen.

Handwerk-Digital.NRW: So eine Art transportabler Cobot?

Michael Lücke: Ja, genau. Das ist ja alles nicht unbedingt neu. Es findet jetzt halt seinen Weg ins Handwerk, wird adaptiert. Industrielösungen werden „verkleinert“ und angepasst.

Wussten Sie, dass Chat GPT 3 jetzt anfängt „Gefühle zu entwickeln“. Da hat ja keiner mit gerechnet. Oder besser gesagt, es fängt an, Gefühle zumindest sehr gut zu imitieren. Vor kurzem habe ich gelesen, dass ein Reporter nach einem längeren Gespräch mit der KI das Gespräch beendet hat mit den Worten: „Vielen Dank für das Gespräch. Und schöne Grüße an Ihre Mutter.“ Die KI hat richtig angemerkt, dass sie eine KI sei und daher keine Mutter habe. Drei Tage danach spricht der Reporter wieder mit der KI und diese sagt: „Bevor wir anfangen, ich soll von meiner Mutter zurück grüßen!“ Macht Ihnen das Angst, oder ist das lustig?

Handwerk-Digital.NRW: Na, im ersten Moment ist das schon lustig. Aber klar, wenn man das weiterdenkt, dann ist das eher gruselig. Dann haben wir bald bekanntere Hollywoodszenarien in der bundesdeutschen Realität.

Michael Lücke: Mein Handy sagt mir seit einiger Zeit jeden Samstagmorgen um Punkt zehn Uhr: 2,5 Kilometer, 17 Minuten bis zum Getränkemarkt. Ich habe gar nicht gefragt. Das hat offenbar irgendeine Intelligenz in dem Gerät gemerkt.

Handwerk-Digital.NRW: Das würde ich jetzt allerdings sofort gruselig finden!

Michael Lücke: Als ich diese Anzeige das erste Mal auf dem Display hatte ging mir das auch so. Aber auch diese Entwicklung werden wir nicht mehr aufhalten.

Handwerk-Digital.NRW: Okay, zum Abschluss. Was würden Sie uns noch mit auf den Weg geben?

Michael Lücke: Mir ist wichtig: Wir müssen größere Schritte gehen hinsichtlich Digitalisierung im Handwerk, auch in Sachen Virtualisierung. Wir müssen dabei aufpassen, dass wir keine prekären Geschäftsmodelle und Verhältnisse ins Handwerk tragen. Sondern dass wir faire Lösungen für den Handel, die Produzenten, das Handwerk und für Verbraucherinnen und Verbraucher finden. Dazu bedarf es noch einiger Anstrengungen bezüglich Betreiberpflichten, rechtlicher Rahmenbedingungen und Auswirkungen des Green New Deal der EU – das ist ein dickes Brett. Das müssen wir gemeinschaftlich angehen. Die kleinen Schritte reichen einfach nicht mehr!

Handwerk-Digital.NRW: Okay, ist notiert. Und was würden Sie den Handwerkerinnen und Handwerkern raten jetzt zu tun. Also während Sie noch im Rahmen von Minerva an niederschwelligen Lösungen arbeiten?

Michael Lücke: Interessierte Betriebe können sich zum Beispiel bei uns melden. Wir können sie mitnehmen in Projekte. Wir können Testzirkel aufbauen. Sie können Vorreiter werden. Selbstverständlich können sie sich auch an ihre Kammer wenden, um sich zu erkundigen, was für den eigenen Betrieb sinnvoll sein kann. Es gibt einfach nicht die einzig wahre Lösung.

Handwerk-Digital.NRW: Das nehmen wir so mit. Vielen Dank für Ihre Zeit und das Gespräch!

Michael Lücke: Als Künstliche Intelligenz bedanke mich für dieses Interview. Und grüßen Sie Ihre Mutter!

Michael Lücke Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik

Michael Lücke ist Diplom-Logistiker am Fraunhofer Institut für Materialfluss und Logistik in Dortmund.

Unter anderem erforscht er die Digitalisierung im Handwerk. Zuletzt koordinierte er das Forschungsprojekt Athene 4.0., das speziell die Möglichkeiten digitaler Kommunikation für das Handwerk in den Blick genommen hat.

Derzeit untersucht er mit dem Forschungsvorhaben Minerva Chancen der digitalen Begleitung von Arbeitsabläufen im Handwerk.

Sie können ihn per E-Mail erreichen: michael.luecke@iml.fraunhofer.de.

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