Hackathons im Handwerk – agile Experimentier-Werkstätten mit Mehrwert

Volker Becker und Tobias Werthwein
3. Juli 2023
Ressourcen

Gerade Startups ziehen insgesamt viel Aufmerksamkeit auf sich und erhalten erhebliches Startkapital – nicht zuletzt von professionellen Investoren. So vielfältig die digitalen Geschäftsideen im Einzelnen auch sein mögen, eines ist ihnen gemeinsam: Startups nutzen agile Methoden, um in dynamischen Gruppenprozessen schnell und effizient Ideen zu entwickeln und möglichst schnell in erste Testprodukte (Mockups, Prototypen) zu übertragen. Diese werden dann so früh wie möglich an oder mit der Zielgruppe ausprobiert und weiterentwickelt.

Was macht die Startup-Szene so attraktiv? Und was unterscheidet sie vom klassischen Handwerk?

Auch Handwerkerinnen und Handwerker können (und sollten) von agilen Methoden progitieren. Eines dieser agilen Formate ist der „Hackathon“ – eine Wortschöpfung aus den Begriffen „Hacken“ (was sich keineswegs nur auf böse Computer-Geschichten bezieht) und Marathon, weil ein längerer Weg kompakt „am Stück“ bearbeitet wird.

Thematisch stehen Digitalisierungs-Themen im Vordergrund. Das könnten Anwendungen des 3D-Drucks sein, die Nutzung Künstlicher Intelligenz, der Aufbau einer eigenen Cloud, der Einsatz von Blockchain-Technologien und dergleichen mehr. Genauso könnten aber auch organisatorische Konzepte erkundet und ausprobiert werden.

Zu einem Hackathon gehört eine besondere, kreativitätsfördernde Arbeitsumgebung – unterstützt von Profis, die das Methodenwissen einbringen. Man trifft sich in lockerer Atmosphäre, um sich in etwas einzuarbeiten, es gewissermaßen auseinanderzunehmen, um zu verstehen, wie etwas funktioniert. Und was man vielleicht selbst damit anfangen kann. Und weil da gern mal das Arbeitsfieber um sich greift, kann so eine Veranstaltung schnell mal bis in die Nacht oder gleich bis zum nächsten Tag gehen. Muss sie aber nicht.

Meist werden also zunächst die Grundlagen erklärt, und dann wird in lockeren Gruppen ausprobiert, was mit dem Thema so alles anzustellen ist. Erfahrene Nutzer:innen stehen den Teilnehmenden dabei zur Seite und „hacken“ mit. Zwischendurch gibt es einen Austausch, wer sich was ausgedacht hat und welche Erfahrungen schon gesammelt wurden – sogenannte Pitches. Den krönenden Abschluss bildet die Vorstellung der Ergebnisse – der Abschluss-Pitch. Und oft ergeben sich daraus Projekte, die weiterverfolgt werden.

Beispiel – IoT-Hackathon Handwerk Rhein-Ruhr in Remscheid

Am ersten Juni-Wochenende fand in Remscheid ein zweitägiger Handwerks-Hackathon zum Internet der Dinge statt (auch „Internet of Things“ genannt, kurz „IoT“).

„Mit Sensoren kann man eigene Lagerbestände überwachen, die Bestandsführung von Werkzeugen verbessern oder Reparaturbedarfe erkennen, ohne selbst vor Ort zu sein“, stachelte Berthold Schröder, Präsident der HWK Dortmund, die Neugierde der Teilnehmenden an. Beim „Internet der Dinge“ sei im Handwerk aber noch viel Luft nach oben, appellierte er weiter.

Ergänzend erklärte Christoph Krause, Projektleiter im „Schaufenster Koblenz“ des Mittelstand-Digital Zentrums Handwerk, wie mit drahtlosen Sensoren typische Alltagsherausforderungen von Handwerker:innen gelöst oder neue Mehrwerte für den eigenen Betrieb oder für Kund:innen geschaffen werden können und zeigte weitere exemplarische Anwendungen auf. Sein „Schaufenster Koblenz“ beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit Prozessdigitalisierung, betrieblicher Prozessoptimierung und IT-Systemen.

Drahtlose Sensoren können eine ganze Menge: Sie haben Parameter im Blick, sammeln Daten und geben so einen Einblick in Zusammenhänge und Vorgänge, die ansonsten nicht im Fokus stehen oder schwer zugänglich sind. Ein IoT-System kann auch Nachrichten versenden und ermöglicht so, rechtzeitig einzugreifen und nicht ständig selbst nachsehen zu müssen oder manuell Informationen zu sammeln.

Mit dem Vorsatz „Was uns nervt, bekommt einen Sensor“ gingen dann muntere Teams aus Handwerker:innen, Technologieberatern der Handwerkskammern und Experten der Uni Wuppertal in die Gruppenarbeit. Im Austausch ihrer Erfahrungen und Wünsche erdachten sie neue Anwendungsfälle für IoT-Lösungen. Die Ideen landeten auf einer Pinnwand, jede:r bekam von allen Teilnehmendenen je nach Beliebtheit der Idee Klebepunkte. Die priorisierten Ideen wurden dann dafür ausgewählt, tatsächlich als Prototyp umgesetzt zu werden:

Von mehr als 30 gepitchten Ideenkonzepten gingen dann sechs Challenges an den Start:

? SNAIL – ein Sensornagel zur Überwachung von Holzkonstruktionen und Umgebungsparametern

? VOLLESROHR – ein Sensorsystem zur Prognose von Rohrverstopfungen

? STRAHLENDSOLAR – Messung von Verunreinigungen & Effizienzgraden von Solaranlagen

? BAUSTELLENWÄCHTER – Preisgünstiges System für Baustellenüberwachung und Diebstahlschutz

? CRAFTLOADPRO – Körpernahes Messsystem zur Evaluierung von Kraftaufwand und Umweltdaten zum Gesundheitsschutz bei handwerklichen Tätigkeiten (Heben, Tragen, Halten von Lasten)

? WURSTDOSE 4.0 – IOT-basierte, intelligente Aufbewahrungsdose für die Abgabe verderblicher Waren in den Nahrungsmittelhandwerken (Version 2)

Der Prototypenbau war dann das Programm für den zweiten Tag. Auch hier erklärten zuerst Experten das „Wie?“: Wie arbeitet man mit den Bausätzen und all den mitgebrachten Sensoren, wie werden sie zusammengesteckt, wie sorgt man vom Rechner aus dafür, dass die Daten ankommen und ausgewertet werden?

André Pomp, Informatiker und Leiter des Forschungsbereichs „Semantic Systems Engineering“ an der Bergischen Universität Wuppertal führte vor, wie die Verarbeitung von Sensordaten mittels grafischer Oberflächen mit geringem Programmieraufwand („coden“) auf einfache Weise verarbeitet werden können.

Jetzt konnte endlich Hand angelegt werden. Die Teilnehmer:innen besorgten Materialien, um reale Situationen nachzustellen, griffen tief in die Kisten mit den Sensoren und hatten sichtlich Spaß daran, die Technik auszuprobieren.

Am Ende standen sechs Projekte, die der gesamten Gruppe vorgestellt wurden. Viele der Teams hatten sich sogar Titel für ihr „Produkt“ ausgedacht und schicke Folien und Logos erstellt, um die Produktpräsentation möglichst realistisch erscheinen zu lassen.

Lerneffekt: Hackathons machen eine Menge Spaß, bringen Leute zusammen, die sich sonst nie getroffen hätten und zudem nimmt jede:r neues Wissen mit.

Dazu vermittelt der Hackathon einen guten Eindruck, welche Umsetzungsschritte man als Handwerker:in – ohne Vorkenntnisse als Programmierer oder Datentechniker – aus eigener Kraft bewältigen kann und ab welchem Punkt dann doch Unterstützung erforderlich ist.

Und vielleicht wird aus dem einen oder anderen Experiment am Ende tatsächlich ein Produkt, das auf den Markt kommt. Beispiele dafür gibt es jedenfalls, auch aus dem Handwerk : handwerkdigital.de/Erfolgsgeschichten und bygg.ai.

Wer mehr dazu wissen möchte, Ideen für einen Hackathon hat oder an einem teilnehmen möchte, wendet sich einfach an seine Handwerkskammer. Die Beauftragten für Innovation und Technologie sind die idealen Ansprechpartner. Beim Hackathon Handwerk Rhein-Ruhr waren das:

Wolfgang Diebke

Steven Teske

und Tobias Werthwein.

Auch unabhängig von einzelnen Veranstaltungen können Handwerker:innen jederzeit digitale Ideen aufbringen, diese mit Anderen diskutieren, nach Gleichgesinnten oder Unterstützung suchen und sich dabei innerhalb der Handwerksorganisation begleiten lassen. Anlaufstelle dafür ist eine kostenfrei nutzbare Innovationsplattform des Handwerks für open-innovation-Prozesse: https://make.innovationhandwerk.de/

Organisiert wurde der Handwerks-Hackathon von den Handwerkskammern Dortmund, Düsseldorf und Köln zusammen mit dem Projekt IoT4H – letzteres steht für „IoT for Handwerk (https://iot4h.de/handwerk-iot/).

Aufgrund einer Förderung des Projekt IoT4H durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) sowie der Stellen der Beauftragten für Innovation und Technologie durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (MBWK) und das Ministerium für Wirtschaft, Industrie, Klimaschutz und Energie des Landes NRW konnte die Veranstaltung für die Teilnehmer kostenfrei durchgeführt werden.

Weitere Links:

Informationsbroschüre „Hackathon Handwerk“:
PDF-Broschüre

Überregionaler Überblick Handwerker-Hackathons:
https://handwerkdigital.de

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