Digitalisierung im Handwerk leicht gemacht

Rebecca Heisterhoff
6. Juli 2022
Ressourcen

Das DigiWerk-Projekt verbindet Erkenntnisse aus Wissenschaft und Praxis

Obwohl das Handwerk in Deutschland mehr als fünf Millionen Beschäftigte aufzuweisen hat, ist es aus betriebswirtschaftlicher Sicht wenig erforscht. Dabei ist diese Branche nicht nur von aktuellen zeitpolitischen Fragen betroffen wie lange nicht – Stichworte: Ressourcen- & Energieknappheit, Neue Arbeit, Nachwuchs- und Fachkräftemangel – sondern auch so sehr Teil der möglichen Antworten, wie lange nicht.

Digitalisierung ist zuverlässig ein Begriff, der immer dann fällt, wenn es um Lösungen für die Herausforderungen unserer Zeit geht. Das Verbundprojekt DigiWerk hat nicht nur zu Digitalisierung im Handwerk geforscht, sondern macht seine Projektergebnisse darüber hinaus allen interessierten Handwerker:innen kostenfrei zugänglich.

Partnerinnen und Partner aus Wissenschaft und Praxis haben sich 2019 unter der Federführung der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf zusammengetan, um den digitalen Wandel für Handwerker:innen einfacher zu gestalten. Aus abstrakten Digitalisierungsanforderungen haben sie konkrete Schritte für den Arbeitsalltag im Handwerk herausdestilliert. Am 23. Juni wurden die Projektergebnisse im Haus der Universität in Düsseldorf vorgestellt – und sind auf der Website handwerkwirddigital.de dauerhaft abrufbar.

Entstanden ist das Projekt, wie so viele, durch einen Zufall. „Hintergrund war eigentlich, dass ich der Rheinischen Post ein Interview gegeben habe zu digitaler Arbeit“, erzählt Prof. Dr. Stefan Süß, „das hatte dann die etwas reißerische Überschrift Wir brauchen eine E-Mail-Bremse! Weil ein großes Problem für Arbeitnehmer:innen zu sein schien, jede Menge E-Mails zu Randzeiten oder ganz außerhalb der Arbeitszeiten zu bekommen.“ Prof. Dr. Stefan Süß ist Lehrstuhlinhaber für BWL, insbesondere für Arbeit, Personal und Organisation, an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Nach Veröffentlichung des besagten Interviews meldete sich Alfred Jansenberger vom Fachverband des Sanitär-, Heizungs- und Klima-Handwerks NRW, um mit Stefan Süß darüber zu sprechen. „Ich fand das zuerst etwas unnötig“, gibt Stefan Süß schmunzelnd zu, „aber Alfred ließ nicht locker und so haben wir uns verabredet.“ Wenige Tage nach diesem Kennenlernen kam eine Ausschreibung für ein Forschungs- und Entwicklungsprojekt zum Thema ‚Zukunft der Arbeit‘, das durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) sowie aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF) gefördert werden sollte. Und die Idee zum DigiWerk-Projekt entstand.

„Bei so einer Ausschreibung ist es so, dass man wissenschaftliche Partnerinnen und Partner braucht und solche aus der Praxis“, berichtet Stefan Süß. „Und oft scheitert es, wenn wir als Lehrstuhl solche Projekte anstoßen, an den Praxispartner:innen. In diesem Fall war der Fachverband aber sehr umtriebig und hat schnell drei SHK-Betriebe gefunden, die mitmachen würden. Und das sind auch die drei, mit denen wir das Projekt umgesetzt haben: Stamos aus Grevenbroich, Schöllgen Haustechnik aus Alfter bei Bonn und Beck Jacobs, ansässig in Düsseldorf. So hatten wir ruckzuck den Verbund zusammen.“

Gemeinsam mit der Universität zu Köln, der K12-Kommunikationsberatung sowie dem Softwarehaus Label Software haben die Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, die drei erwähnten mittelständischen Handwerksbetriebe sowie der Fachverband Sanitär Heizung Klima NRW über drei Jahre ein betriebliches Handlungskonzept zur Digitalisierung im Handwerk erarbeitet.

Am Anfang des Projektes gab es schon Berührungsängste. Von den Handwerksunternehmen gegenüber der Wissenschaft und umgekehrt. Wir haben uns wohl alle gefragt: Worauf lassen wir uns da ein? Das hat sich jedoch sehr schnell alles sehr gut zusammengeruckelt. Und inhaltlich profitieren wir voneinander.

Prof. Dr. Stefan Süß

In einem ersten Schritt haben sie versucht einzukreisen, welche Fragestellungen im Rahmen von Digitalisierungsprojekten im Handwerk denn im Moment die dringlichsten sein könnten. Daraus haben sich drei Bereiche für eine weitergehende Untersuchung ergeben: Arbeitsorganisation, Kommunikation und Wettbewerb. Denn: Digitalisierung führt zwangsläufig zu einer veränderten Arbeitsorganisation. Digitalisierung ist ein kommunikatives Thema, intern wie extern. Und, sie ist ein Thema im Wettbewerb – die Nutzung digitaler Tools kann Vorteile im Wettbewerb verschaffen.

„Die Schwerpunkte und Themen haben sich im Laufe der Zeit auch nochmal verändert“, berichtet Stefan Süß. Anders, als in der Antragstellung gedacht, sei das Thema Softwareergonomie ein großes geworden. Also die Bedienbarkeit und Benutzerfreundlichkeit von Software-Tools. „Handwerker:innen haben uns in unseren Interviews gesagt, ‚Wir würden gerne etwas ändern, wissen aber nicht wie.‘ Oder: ‚Wir haben etwas geändert, dabei aber völlig unterschätzt, dass wir damit am Selbstverständnis der Mitarbeitenden rühren.‘ Unterschätzt, dass durch Veränderungen auch Stress und Unsicherheiten ausgelöst werden. Changemanagement ist dementsprechend ebenfalls ein großer Bereich geworden.“

Aus Befragungen und Interviews wurden konkrete Forschungs- und Denkanlässe, die Stefan Süß und sein Team wiederum auf Grundlage ihres betriebswirtschaftlichen Hintergrunds reflektiert haben. Und vor dem Hintergrund des Stands der internationalen Forschung. Schrittweise ist das DigiWerk-Projekt so zu allerlei praxistauglichen Ansätzen gekommen. Das Ergebnis beinhaltet einen Digitalisierungsleitfaden inklusive Selbsteinschätzungstool, ein Informationsportal zur Softwareanwendung, Best Practices für den Einsatz digitaler Lösungen sowie Digitalisierungsberatung und -schulungen. Alles zu finden auf handwerkwirddigital.de.

Übrigens: Nicht nur für das SHK-Handwerk! „Wir sagen immer, dass alle Ergebnisse relativ gut ummünzbar sind auf andere Baunebengewerke“, so Stefan Süß. „Wir erheben jedoch nicht den Anspruch, dass Friseur:innen oder Konditor:innen ebenfalls  von unseren Forschungsergebnissen profitieren.“ Der Zeitfaktor spiele in einem geförderten Projekt eben auch eine nicht unerhebliche Rolle. Stefan Süß ist überzeugt: „Wenn wir jetzt sagen würden, wir möchten ein Nachfolgeprojekt beantragen, dann wären die meisten mit Freude wieder mit an Bord.“

Bis es so weit ist, zeigt er sich begeistert über die gelungene Abschlussveranstaltung, bei der auf Basis der gehaltenen Vorträge sehr interessante Diskussionen rund um die Digitalisierung im Handwerk zustande gekommen sind. Für alle Interessierten, die am 23. Juni nicht unter den rund 100 Teilnehmer:innen sein konnten gibt es am 9. September 2022 eine weitere Gelegenheit, das DigiWerk-Projekt kennenzulernen – bei der Nacht der Wissenschaft 2022 rund um das Haus der Universität in Düsseldorf.

Auch das Handwerk-Digital.NRW-Team wird weiterhin berichten. Ab dem Spätsommer stellen wir hier in unserem Magazin vier weitere Aspekte der DigiWerk-Projektergebnisse etwas ausführlicher vor.

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