Ein Montagvormittag bei Sonntagskreativität fühlt sich an wie ein gerade frisch angebrochener Freitagabend. Wie offene Zeit, Muße, keine Termine. In der lichtdurchfluteten Kreativwerkstatt in einem Bilker Hinterhof lässt sich leicht die Zeit vergessen. In den Regalen lagern allerlei farbige Stoffe, Wollknäuel, Bänder und Garne. An den Wänden hängen Stickrahmen mit unterschiedlichsten Motiven. Der Schreibtisch dient gerade als Packstation, zum Versand von mit Bedacht zusammengestellten Stickboxen. Diese Sets zum Sofort-Loslegen haben bereits hunderten Menschen dabei geholfen, den (Wieder-)Einstieg ins Stickhandwerk zu finden.
Hinter dem Eindruck der Ruhe und Zeitlosigkeit steckt jedoch viel Überlegung, viel Mut, viel Arbeit – überhaupt: viel Jennifer Dargel. Die junge Unternehmerin macht nämlich alles selbst: Sie ist Designerin, Pressesprecherin, Workshopleitung, Social Media-Managerin, Video-Editorin, Autorin und Vertrieblerin in einer Person. Und der fröhliche Beweis dafür, wie weit man mit dem Satz ‚Wenn ich es nicht mache, macht es jemand anderes!‘ kommen kann.



Dass sie jetzt ihr eigenes Kreativ-Atelier hat, war nicht geplant, als sie vor bald acht Jahren wieder anfing zu sticken. Sonntagnachmittags, aus dem Bedürfnis heraus, etwas vermeintlich Unmodernes in etwas Schönes, Zeitgemäßes zu verwandeln. Sticken war 2015 nicht gerade in. Ihr erstes Bild zeigt ihren heutigen Mann, sie selbst und ihren Kater. Darauf folgten viele weitere bunte Paar- und Familienportraits, die sie an Freunde und Freundinnen verschenkte, anlässlich von Um- und Einzügen, Babys, Hochzeiten. Schnell wollten diese Freundinnen und Freunde ebenfalls solche personalisierten Stickbilder verschenken. Irgendwann ist sie dann auf die Idee gekommen, eine Bloggerin anzuschreiben, der sie auf Instagram folgte. Diese Bloggerin, Johanna Pinkepank, war damals schon ziemlich erfolgreich. Auch mit ihrem Instagram-Kanal.
„Ich habe ihr ein Stickbild gestickt, von ihr und ihrer Familie“, erzählt Jenni, „Eigentlich erst einmal, weil ich Johannas Arbeit so toll fand und vieles davon ja auch umsonst konsumieren konnte. Da wollte ich etwas zurückgeben und ihr eine Freude machen.“ Leicht gefallen ist ihr dieser Schritt jedoch nicht: „Da war schon etwas Unsicherheit dabei und die Frage: Boah, was machste, wenn die gar nicht reagiert, wenn die das blöd findet? Weil, ich finde, man macht sich ja auch immer angreifbar mit eigener Kunst, mit etwas Persönlichem.“ Also hat Jenni das Päckchen für Johanna Pinkepank erst einmal drei Tage im Auto mit sich herumgefahren, bevor sie sich getraut hat, es abzuschicken. Das war 2017.
Ein paar Tage später guckt sie auf ihr Handy und erschrickt. Innerhalb von einem Tag war ihr eigener Instagram-Account von 60 auf 600 Follower angewachsen. „Ich habe gedacht, ich hätte mir ein Virus eingefangen oder das Internet kaputt gemacht“, lacht Jenni. Was war passiert? Johanna Pinkepank hatte sich so über das Päckchen mit dem Stickportrait gefreut, dass sie es auf Instagram gepostet hat.
Und auf einmal ging alles rasend schnell. Eine Anfrage nach der anderen erreichte eine ziemlich perplexe Jenni. Haste ne Preisliste? Wo können wir deine Stickbilder bestellen? Wohin schicken wir Fotos als Vorlagen? „Da war ich von null auf hundert in der Situation, dass aus meinem Hobby ein Weg wurde“, sagt Jenni. „Heute lache ich darüber, was ich für Preise aufgerufen habe. Das war alles viel zu günstig! Aber damals, so für unverhofft nebenbei, war es ein Anfang. Ich musste ja nicht davon leben.“
Noch nicht. Also erstmal: Kleingewerbe anmelden und sticken. 100 Portraits waren auf einen Schlag abzuarbeiten. In jedem einzelnen stecken bis zu acht Stunden Arbeit. Das sind 33 Tage. Vorausgesetzt, man arbeitet 24 Stunden durch. Und damals hatte Jenni ja noch einen Vollzeitjob. Aus Zeitnot wurde dann ein erfolgreiches Marketingmodell: „Um Druck für mich rauszunehmen habe ich monatsweise Bestellrunden auf Instagram gemacht. Also zum Beispiel eine Geschichte oder ein Bild gepostet und gesagt, die ersten vier Kommentare, den Menschen dahinter mache ich ein Bild. Marketingtechnisch war das natürlich gut, Durch diese Verknappung sind die Leute mir gefolgt, haben genau geguckt, was ich mache. Aber eigentlich wollte ich mir nur wieder etwas Kontrolle über meine Freizeit zurückzuholen.“
„Vorletztes Jahr im Dezember kam mein komplettes Einkommen durch das E-Book rein. Natürlich: Ich stecke da ein Mal richtig viel Arbeit rein. Aber irgendwann lohnt sich das und die Menschen freuen sich.“
Jennifer Dargel, Sonntagskreativität
Irgendwann sind die ersten Firmen und Kooperationspartner auf die Jungunternehmerin aufmerksam geworden. Anchor Garne und Rico Design zum Beispiel. „Die waren auch für mich interessant. Mein Blumenstraußdesign zum Valentinstag ist immer noch bei Rico Design auf der Homepage zu finden.“
Bald darauf wurde sie Mutter, ging in Elternzeit und der Fokus schwenkte fürs Erste auf ihren kleinen Sohn. Etwas danach kam Corona. Waren Kontaktbeschränkungen, Lockdowns und Reisebeschränkungen für die Eventbranche, in der Jenni damals tätig war, eine Katastrophe – für Sonntagskreativität waren sie ein Segen. Die junge Mutter entdeckte, dass sie nicht zurück wollte in ihren alten Job. Und Deutschland entdeckte, nachdem einfach nichts mehr auszumisten und Netflix nichts mehr abzugewinnen war, Do it Yourself. Wer nicht mindestens Tomatenpflänzchen auf der Fensterbank hatte, hat den ersten Lockdown verschlafen. Lockdown-Profis buken Bananenbrot, vermehrten Sauerteig, kochten, malten, machten Musik. Oder: lernten zu sticken. „Und das habe ich mir halt zunutze gemacht“, erzählt Jenni. „Ich zerdenke Ideen gerne und viel, aber ich bringe auch eine gute Portion Aktionismus mit. Und zu dem Zeitpunkt habe halt gedacht: Entweder kommt das an. Oder eben nicht. Was soll schon passieren?“
Was ankommen sollte, waren die ersten Stickboxen. Um ihre Sonntagskreativität an allen Wochentagen wirtschaftlich zu machen, musste Jenni etwas finden, dass ihr ein regelmäßiges Einkommen verschaffen würde, ohne selbst Tag und Nacht individuelle Wünsche zu erfüllen. „Also habe ich mir überlegt, dass die Menschen selbst sticken sollen“, so Jenni. „Der Teil, der für Menschen aufwendig ist, die etwas Neues anfangen wollen, ist der Entwurf und die Materialauswahl. Und so habe ich die Stickbox ins Leben gerufen und gesagt: Ihr kriegt die Box, den Rahmen, die Nadel, das Motiv und den Stoff. Alles, was ihr tun müsst, ist meine Anleitung lesen und loslegen.“
Das unternehmerische Risiko hielt sich in Grenzen. Damals gab es noch kein Ladenlokal, keine Werkstatt, kein Lager für Stoffe. Es gab Jenni, Jennis Ideen, den Küchentisch, ein paar Hundert Euro Startkapital. Und Menschen, die die Stickboxen gekauft und geliebt haben.

Im Laufe der letzten Jahre haben viele Menschen viele von Jennis Ideen geliebt: Ihr erstes E-Book, ihre Video-Tutorials, Buch eins, Buch zwei, ihre Workshops – zuletzt: Buch drei. Mittels unterschiedlicher Formate und individuell anpassbarem Stick-Betreuungslevel ist über die Zeit eine gute Mischung aus aktivem und passivem Einkommen entstanden. Im Winter 2021/22 kam das komplette Einkommen allein über ihr E-Book rein. Dafür gibt Jenni natürlich auch immer ihre Idee weiter. Jede:r kann sich über ihr umtriebiges Social Media-Marketing ein Bild davon machen, an was sie gerade arbeitet. Stickboxen und Video-Tutorials, selbst ihre Familienportraits – all das findet man nun auch auf anderen Blogs, anderen Kreativ-Instagram-Kanälen, in anderen Online-Shops. „Damit habe ich lange gehadert“, gibt sie zu. Aber Jenni hat auch für solche Momente des Zweifels ein kreatives Gegenmittel gefunden: „Ich gehe radikal von mir aus, gucke, worauf habe ich gerade Lust. Also eigentlich mache ich gar nichts, auf das ich keine Lust habe“, lacht sie, „Okay, Steuer und Buchhaltung vielleicht. Aber, was die Kreativarbeit angeht, da mache ich nur, was mir Spaß macht.“
Das erklärt auch einen großen Teil ihres Erfolges. Fängt man an, sich mit Online-Marketing-Strategien auseinander zu setzen – was ja auch für das Handwerk immer wichtiger wird – so bekommt der interessierte Laie jede Menge strategischer Hinweise: Kenne deine Zielgruppe! Lege unbedingt eine 9-Punkte-Social-Media-Strategie fest! Poste mindestens fünf Mal am Tag, sonst straft dich der Algorithmus! Google will Keywords! Wo ist deine Social Media-Werbung?
Diese Form von Stress macht Jenni sich nicht: „Ich bin meine eigene Zielgruppe. Das ist ein Vorteil, weil es mir leichtfällt, meine Projekte zu vermarkten.“ Ein weiterer Vorteil ist, dass sich so aus ihrer subjektiven Wahrnehmung auch immer wieder Projektideen ergeben, die wiederum auch für ihre Zielgruppe interessant sein könnten.
„Ich arbeite viel. Aber ich arbeite frei und ich arbeite das, was ich will.“
Jennifer Dargel, Sonntagskreativität
Auf diese Art ist zum Beispiel auch ihr Buch rund um das Thema Kleiderreparatur entstanden. „Die Generation meiner Mutter hat sich gefreut, wenn sie es sich leisten konnte, ihre Sachen zum Schneider zu bringen. Logisch, bei vier Kindern. Aber ich bin schon an dem Punkt, wo ich sage: Wenn ich jede Leggins, die mein Sohn im Kindergarten kaputt macht, neu kaufe oder abgebe zum Reparieren – das steht ja in keinem Verhältnis. Und so ist dann auch die Idee zum Buch entstanden. Ich habe aus einem privaten Problem einen Bedarf abgeleitet.“
Dabei waren einige der vorgestellten Sticktechniken komplettes Neuland für Jenni: „Ich behaupte nicht, dass ich das alles selbst erfunden habe. Es gibt im Buch zum Beispiel eine Technik, die seit Jahrhunderten von Japanerinnen verwendet wird. Diese Technik gehört mir nicht und das mache ich transparent. Was ich mit meiner Erfahrung jedoch durchaus tun kann, ist beurteilen und vorstellen, was sinnvoll ist. Ich kann erklären, wie ich es mache. Und so Reparieren und Schönheit miteinander verbinden.“
Jenni geht respektvoll mit dem um, was sie an Möglichkeiten hat, sich zu entwickeln und ihr Handwerk zu verfeinern. Dass sie dazu das Selbstbewusstsein besitzen muss, sich damit auch zu zeigen, damit rauszugehen, sich selbst zu vermarkten, gehört einfach mit dazu: „Selbstvermarktung ist ein großes Thema. Ich habe auch manchmal Selbstzweifel. Nur, das erzähle ich dir doch nicht! Es bringt auch nichts, wenn ich anfange, mich mit einer Parallelwelt zu vergleichen und mich unnötig unter Druck zu setzen. Gerade in dieser Instagram-Welt geht das ganz schnell. Da haben alle ein geileres Leben, den geileren Urlaub, den geileren Job. Im Zweifel folge ich denen so lange nicht mehr, bis ich wieder bei mir angekommen bin.“


Grundsätzlich sei sie sehr zufrieden mit dem, was sie sich bisher aufgebaut habe. Was ihr bei aller Vermarktungsnotwendigkeit von Anfang an wichtig war: „Je mehr Follower, desto weniger Privates wird geteilt.“ Dazu musste Jenni sich früh über ihre Rolle klarwerden: „Ich bin keine Lifestyle-Bloggerin“, sagt sie, „Ich sticke. Klar, viele Leute, die mir folgen und meine Arbeit schätzen, die kenne ich seit Jahren. Das ist dann schon ein Mix aus persönlich und professionell.“ Trotzdem möchte sie am Ende des Tages für ihre Arbeit ernst genommen werden. Dazu gehört, diese Arbeit weiterzuentwickeln und zu präsentieren. Und das tut Jenni, mit dem ihr eigenen Mix aus Courage, Kreativität und Fröhlichkeit.
„Ich verstehe einfach nicht, dass die Leute so zurückhaltend sind mit ihren Sachen. Ich feiere da gerne das ganze Feuerwerk ab. Mit Buchparty und Instagram und Interviews und WDR. Wenn ich niemandem verrate, was ich tue und was man bei mir kaufen kann, woher sollen Menschen das dann wissen?“ Punkt für Jenni.
Dafür lernt sie weiterhin jeden Tag dazu. Befasst sich mit neuester Kamera- und Schnitttechnik, um ihre Videos selbst zu produzieren. Schreibt ihre eigenen Pressetexte, betreut ihre Website, befüllt den Online-Shop und designt neue Stickvorlagen. „Ich arbeite viel. Aber ich arbeite frei und ich arbeite das, was ich will. Zum Sticken komme ich hier im Atelier allerdings nicht mehr“, sagt Jenni mit einer ausladenden Handbewegung in ihr Bilker Hinterhof-Atelier. „Das mache ich doch lieber abends zuhause. Alles, was kreativ ist, nehme ich mit nach Hause.“ Seit Mitte Mai 2022 hat sie hier ihr eigenes Atelier. Im Juli 2022 konnte dann der erste Workshop in Präsenz stattfinden. Diese Kreativ-Workshops machen inzwischen fast 50 Prozent ihrer Arbeit aus. Und wann immer Jenni ein neues Hobby für sich entdeckt, stehen die Chancen gut, dass neue Angebote und damit wieder neue Menschen ihr Atelier bevölkern werden. Zuletzt hat sie sich mit Weben und Terrazzo-Design beschäftigt. Und wer weiß, was die Jungunternehmerin in Zukunft an ihren Sonntagen entdecken wird? In jedem Fall wird sie ihr Repertoire erweitern. Wird weiterhin ihre kreativen Feuerwerke abschießen. Wird irgendwann, vielleicht bald, eine fast normale Arbeitswoche haben. Sobald sie herausgefunden hat, wie das geht. Sonntagskreativität nur an fünf Tagen in der Woche. Oder vier.

Mehr Infos zu Jennifer Dargel und ihrem Kreativ-Atelier gibt es hier: sonntagskreativitaet.de.