Die wichtigste Person bei der Digitalisierung Ihres Betriebs
Die unübersichtliche Vielfalt an digitalen Lösungen, fehlender betriebswirtschaftlicher Druck, vermeintlich hohe Kosten – es gibt viele Hemmnisse auf dem Weg zur Digitalisierung für Handwerksbetriebe. Doch es gibt Hilfe, diesen Hemmnissen zu begegnen.
Die wichtigste Ressource im Betrieb sind die Innovationskümmerer. Jeder Betrieb hat mindestens einen, auch wenn diese Rolle nicht offiziell vergeben ist. Innovationskümmerer sind Personen, die besonders geeignet sind, Trends zu erkennen, Möglichkeiten zu finden und Ideen voranzutreiben. In vielen Betrieben sind es die Inhaber und Chefs, die ihn einst gegründet haben und leiten. In anderen Betrieben ist es die Tochter oder der Sohn des Inhabers. Es kann auch jeder andere Mitarbeiter und jede Führungskraft sein. Und in manchen Unternehmen sind es auch durchaus mehrere Personen.
Wichtig ist – so Ester und Cupoc in ihren Schriften zur Handwerksforschung 2019 – dass Innovationskümmerer ausgeprägte Fachkompetenzen besitzen, dazu Neugierde und Engagement. Eine Position mit Macht und Einfluss kann sehr förderlich sein für das Ausfüllen der Rolle. Ebenso gehört Sozialkompetenz dazu, um alle anderen im Unternehmen zu begeistern, mitzunehmen und auch um Neues akzeptabel zu gestalten.
Vieles scheint dafür zu sprechen, dass Innovationskümmerer gleich Inhaber sind. Die Inhaber im Betrieb besitzen in der Regel schon aus ihrer Position heraus Macht und Einfluss, Fachkompetenz und Führungserfahrung. Für andere Betriebe kann es sich lohnen, Fortentwicklungen auf mehrere Schultern zu verteilen und die Chefs von einer zusätzlichen Aufgabe zu befreien. Wer auch immer die Aufgabe der Innovationsförderung im Betrieb übernimmt, einige Spielregeln und Erfolgsfaktoren sollten beachtet werden.

Die Erfolgsfaktoren der Innovationskümmerer (nach Ester und Cupok 2019; Würth 2015)
Im Unternehmen sollten sich alle, mindestens jedoch die Betriebsinhaber, bewusst darüber sein, wer der Innovationskümmerer im jeweiligen Betrieb ist. Dies sollte möglichst auch offen kommuniziert werden. Wenn es nicht offensichtlich ist, sollte Klarheit darüber verschafft werden, wer es sein könnte. Die Innovationskümmerer sollten einige wichtige Fragen beantworten – für sich selbst wie auch für ihren Betrieb.
Welche Ziele und Aufgaben sind mit dieser Rolle verbunden? Ziele und Aufgaben sind notwendigerweise andere als die der Fachkraft oder der Betriebsleitung. Hier sollte für alle Klarheit herrschen. Ziele und Aufgaben können sich mit der Zeit wandeln. Daher sind sie regelmäßig zu aktualisieren. Verschiedene Ziele und Aufgaben in einer Person zu bündeln ist schwierig und kompliziert und bedarf guter Selbstführung.
Welche Ziele sind mit der Einführung von Technologien oder Geschäftsmodellen verbunden? Die Ziele der Digitalisierung und Innovation orientieren sich an den Unternehmenszielen, können allerdings auch darüberhinausgehend auch neue Aspekte beinhalten, die traditionell nicht berücksichtigt sind. Stecken Sie die Ziele nicht zu hoch, sonst werden Sie entmutigt und frustriert. Passen Sie Ihre Ziele mit der Zeit an. Sie erfahren kontinuierlich, wie viel der Betrieb schaffen kann, und wofür die Zeit noch nicht gekommen ist.
Habe ich genügend Ressourcen? Die wichtigste – und knappste – Ressource ist Zeit. In vielen Betrieben gewinnt das Tagesgeschäft und die Auftragsbücher sind gut gefüllt. Hier kann ein Konflikt entstehen. Klare Verabredungen – mit sich selbst und der Leitung – sind unabdingbar. Ebenso ist Geld eine notwendige Ressource. Wenn das Geld knapp ist, dann werden die Ergebnisse der Innovationskümmerer kaum umsetzbar sein.
Habe ich genügend Befugnisse und Verantwortung? Sich um Veränderungen zu kümmern ist mühsam, wenn man keine Entscheidung treffen darf und wegen jeder Kleinigkeit beim Chef nachfragen muss. Im geeigneten Rahmen sollten die Innovationskümmerer selbstbestimmt agieren können. Auch, wenn Inhaber die Innovatoren im Betreib sind, sollten sie gerade bei so gewichtigen Veränderungen wie bei der Digitalisierung nicht auf die Absprache mit den Mitarbeitern verzichten.
Habe ich die richtigen Helfer und Unterstützer? Innerhalb des eigenen Unternehmens sollten die meisten die neue Rolle zumindest akzeptieren. Mitunter fühlen sich auch andere eingeladen, Ideen und Hinweise zu kommunizieren. Viel Hilfe gibt es von extern: Fachverbände, Innungen und Kammern sind spezialisiert auf die Belange von Handwerksbetrieben. Überall in Deutschland gibt es Mittelstand Digital Zentren, die Unternehmen fachliche Unterstützung anbieten. Dort finden Sie geeignete Ansprechpartner. Und dann gibt es noch die externen Berater und Dienstleister, die bei der Reise durch die Digitalisierung gezielt und fachkundig beiseite stehen.
Wo und wie kann ich mich informieren? Als einzelne Person in einem Handwerksunternehmen verantwortlich sein für Digitalisierung und Innovationen kann überwältigend sein. Schließlich sind das sehr breite Themenbereiche jenseits der eigenen üblichen Ausbildung und Berufserfahrung. Glücklicherweise gibt es an vielen Orten Hilfsangebote. Die oben genannten Institutionen bieten regelmäßig Seminar- und Webinar-Angebote an. Auch ein Gespräch mit einem Berater vor Ort kann erhellend sein.
Laut Bitkom liegen die Hürden für kleine Unternehmen in hohen Investitionskosten und der Sorge um IT-Sicherheit. Zahlreiche Informationsangebote der Kammern, Verbände und Kompetenzzentren können hier Abhilfe schaffen. Sie informieren über Förderangebote von Land und Bund und stellen den Kontakt zu Spezialisten her. Innovationskümmerer brauchen nicht alles selbst zu recherchieren und zusammenzutragen. Sie können dafür die richtigen Personen ansprechen.
Es sollte auch regelmäßig das Wettbewerbsumfeld beobachtet werden. Die Würth-Studie 2015 zeigt deutlich: die Kenntnis der eigenen Stärken und Schwächen und über das Marktumfeld sind wesentliche Faktoren für den Erfolg. Der Vergleich mit anderen Betrieben und deren Lösungen kann gute Hinweise auf eigene Potenziale ergeben.
Die wichtige Rolle der Innovationskümmerer sollten Personen ausfüllen, die sich dafür motivieren und begeistern können. Mit der richtigen Einstellung können sonstige Widrigkeiten kompensiert werden, und es fällt leichter die notwendige Zeit aufzubringen. Die Ziele und den Nutzen für das Unternehmen und die Kollegen zu definieren ist ein wichtiger Schritt dazu. Wenn hingegen die Resonanz und die Zeit fehlt, dann können die besten Innovations- und Digitalisierungsbemühungen schnell versanden. Digitalisierung klappt nicht nebenher. Wenn der Fokus fehlt und der Sinn nicht ersichtlich scheint, tun sich Betriebe schwer. Die Rolle der Innovationskümmerer zu vergeben ist ein wirksamer erster Schritt, der nicht unterschätzt werden sollte. Dies alles betrachtet sind Innovationskümmerer auch Unternehmer. „Ein Unternehmen zukunftsfähig zu machen, ist Aufgabe der Unternehmer-Rolle“ – so treffend formuliert es NRW.Innovationspartner in seiner Broschüre „Der Weg zur Innovation“. Und diese Aufgabe sollte man nicht nur den Eigentümern überlassen.
Aus Gründen der besseren Lesbarkeit verzichtet der Autor auf die gleichzeitige Verwendung der Sprachformen männlich, weiblich und divers (m/w/d). Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für alle Geschlechter.
Andreas Schmidt ist Beauftragter für Innovation und Technologie, insbesondere für Digitalisierung, bei der Handwerkskammer Dortmund.

