Ein interaktiver Workshop mit Handwerksbetrieben
„Ich bin irritiert, dass nicht noch viel mehr Handwerker hier sind“, sagte am Ende ein Inhaber eines Lichttechnik-Betriebs. Es ist irgendwie eine zutreffende, und gleichzeitig paradoxe Feststellung, denn: Man kommt ja zu nix!
Es hat sich doch längst herumgesprochen: Digitalisieren hilft, Digitalisieren ist wichtig, Digitalisieren ist richtig. Wir Handwerkskammern brauchen keine Handwerker mehr überzeugen, geschweige denn überreden. Die guten Lösungen sind etabliert in den Branchen, hilfreiche Software spricht sich herum, mobile und automatisierte Auftragsverwaltung hat jeder verstanden. Und die wirklich innovativen Technologien kommen schon noch: 3D-Druck, Künstliche Intelligenz oder Digitales Aufmaß werden bald günstig, einfach und schnell auch fürs Handwerk verfügbar sein. Viele Handwerker haben recht klare Vorstellungen und gute Fragen parat. Doch allein: Man kommt halt einfach zu nix!
Für uns von der Handwerkskammer Dortmund war dies Anlass, das Pferd mal von hinten aufzuzäumen. Also nicht informieren und gut zureden. Sondern genau das Kernproblem zum Kernthema machen: Man kommt einfach zu nix! war deshalb der Titel der Veranstaltung, die Teilnehmer konnten sprechen und sich neu ordnen und wir hörten gut zu.
Gleich zu Beginn ging es darum auch um den ganz persönlichen Energiehaushalt. Denn wenn jeden Tag Kunden zufriedengestellt, Mitarbeiter versorgt und Brände gelöscht werden müssen, dann bleibt weder Zeit noch Energie übrig, um sich mit den zusätzlichen Aspekten der Digitalisierung auseinanderzusetzen. So stellte der Inhaber eines Malerbetriebes fest, dass der Akku schon ziemlich leer ist.
Als Methode für diese Phase wählten wir Skalierung und Aufstellungsarbeit. Skalierung bedeutet, etwas auf einer Skala von eins bis hundert zu bewerten. Zum Beispiel den Akkustand. Aufstellung bedeutet, dass die Personen sich in einem gegebenen Raum positionieren, in diesem Fall auf der Skala. Dieses Vorgehen hat mehrere Vorzüge. Teilnehmer nehmen zu Beginn eine aktive Rolle ein, treffen Entscheidungen über Ihre Position und bewegen sich körperlich im Raum. Wenn der Workshop insgesamt interaktiv sein soll, dann braucht es zuvor aktivierende Elemente. Im Gegensatz dazu möchten wir vermeiden, dass Teilnehmer passiv, schweigend sitzen und zum Beispiel einen Vortrag konsumieren.

Danach gingen wir in den gegenseitigen Austausch über. Unter Digitalisierung versteht jeder etwas anderes, jeden betrifft es anders, und das ist auch völlig in Ordnung. Natürlich hätten wir Powerpoint-Folien zeigen können zur Digitalisierung im Handwerk. Stattdessen bildeten wir Zweier-Paare: einer sprach, einer hörte zu, und dann im Wechsel. Auf der einen Seite tut es gut mal zu sprechen, ohne unterbrochen und bewertet zu werden. Zum anderen zu hören, dass andere auch ihre Probleme haben.
Danach schauten wir uns gemeinsam typische Erfolgsfaktoren, Innovationsstärken und Innovationsschwächen im Handwerk an. Jeder Betrieb konnte seine eigenen Faktoren auswählen und konkret erläutern. Dabei ergaben sich mitunter spannende Erkenntnisse. Mutter und Sohn, beide Geschäftsführer eines Malerbetriebs, kamen teilweise zu zunächst widersprüchlichen Einschätzungen über die Stärken und Schwächen ihres Betriebs. Im Gespräch und mit sehr wertschätzenden Kommentaren der anderen Teilnehmer kam es dann zur Klärung. Alle Teilnehmer identifizierten Effizienz als Baustelle, begründeten dies aber durchaus unterschiedlich. Leitfragen waren zum Beispiel: „Was läuft bei uns bereits gut?“ und „Wo möchte ich gerne noch genauer hinschauen?“ Insgesamt ergaben sich wertvolle Diskurse ohne richtig und falsch, mit Erkenntnissen, die in Frontalveranstaltungen gar nicht möglich wären. Festgehalten wurde all das auf Karteikarten. Jeder Teilnehmer schrieb seine Aspekte auf, die Karten wurden für alle auf einer Pinnwand sichtbar gemacht und jeder erklärte der Gruppe seine Herangehensweise.
Wir möchten mit unseren Teilnehmern nicht nur reden, sondern sie sollen auch mit etwas Konkretem nach Hause gehen. In einem kurzen Gruppenworkshop ist es zwar nicht möglich, einen ausgeklügelten Digitalisierungsplan aus der Taufe zu heben. Doch drei passende und realistische Maßnahmen zu formulieren ist für jeden möglich. Auch diese wurden auf Karteikarten geschrieben und angepinnt und anschließend wurden sie erläutert und kommentiert. Wenn Maßnahmen von den Leuten im Betrieb selbst erarbeitet werden, steigt die Wahrscheinlichkeit der Umsetzung und die langfristige Akzeptanz. Ausschließlich reden kann manchmal unverbindlich sein. Aufschreiben schafft Verbindlichkeit und fordert Präzision. Denken ist nicht schwierig. Einen Gedanken präzise zu formulieren ist schwierig.


Wir baten die Teilnehmer schließlich um Feedback zum Nachmittag. „Es war zwar nicht genau das, was ich mir vorgestellt habe, aber sie war sehr hilfreich für meine eigene Positionsbestimmung,“ sagte die Fotografin frei heraus. Und bemerkt sie, was wir auch immer wieder in unseren Beratungen feststellen: „Es wird meines Erachtens bei den Diskussionen um die Digitalisierung fast immer übersehen, dass die Probleme, die man betrieblich so hat, vielfach nicht digitaler, sondern sozialer, persönlicher oder kommunikativer Art sind.“
Letztlich hat dann doch das intime Setting im kleineren Kreise überzeugt. Es kam jeder zu Wort und wir haben den Eindruck, jeden Betrieb wirklich kennen gelernt zu haben. Und auf individuelle Aspekte konnten auch die Teilnehmer untereinander immer wieder antworten und im Diskurs bearbeiten.
Eigentlich müsse man diesen Termin verstetigen, vielleicht in einer Art Stammtisch, meinte eine Teilnehmerin. Denn die Diskussion sei ja noch nicht beendet. Das stimmt, denn noch während des Feedbacks wurden mitunter wieder neue Themen aufgemacht, wie zum Beispiel Marketing oder Fachkräftegewinnung. Das ist das Schöne an Digitalisierung: Es breitet sich durch die gesamte Organisation aus und berührt alle Geschäftsthemen.
Wir haben diese Veranstaltung integriert in die Digitale Woche Dortmund #diwodo, bei welcher in über 100 Events der Facettenreichtum der Digitalisierung bestaunt und bearbeitet werden konnte. Und obwohl Dortmund in diesem Jahr Innovationshauptstadt Europas geworden ist, gab es zum Schluss bei uns etwas ganz Bodenständiges: Eine gute Currywurst. Manche Sachen brauchen sich einfach nicht zu ändern!
Aus Gründen der besseren Lesbarkeit verzichtet der Autor auf die gleichzeitige Verwendung der Sprachformen männlich, weiblich und divers (m/w/d). Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für alle Geschlechter.
Andreas Schmidt ist Beauftragter für Innovation und Technologie, insbesondere Digitalisierung, bei der Handwerkskammer Dortmund.

