Diebke: Handwerksunternehmen tun sich schwer mit der Digitalisierung

Digitalisierung ist in den Medien ein großes Thema und beherrscht die Schlagzeilen. Nicht nur die Politik, sondern auch Handwerkskammer und Fachverbände beschäftigen sich intensiv mit dem digitalen Wandel. Im Interview mit Wolfgang Diebke, BIT-Berater bei der Handwerkskammer (HWK) Dortmund, sprachen wir über die Anliegen, Probleme sowie Möglichkeiten für Handwerksbetriebe, die Digitalisierung in Angriff zu nehmen.

handwerk-digital.nrw: Herr Diebke, direkte Frage zu Beginn: Ist Digitalisierung wirklich ein Thema in den Handwerksbetrieben?
Diebke: Es ist eine Frage der Definition. Digitalisierung ist ein weiter Begriff, den jeder anders auslegt. Industrie 4.0 war vor ein paar Jahren ein Schlagwort, welches derzeit gar nicht mehr so oft auftaucht, weil es durch „Digitalisierung“ ersetzt wurde. Im Bereich Industrie 4.0 sprach man von der intelligenten Vernetzung von Maschinen und Anlagen untereinander, wobei dort das Handwerk kaum Berücksichtigung fand. Dann wurde Handwerk 4.0 etabliert, darunter konnten sich auch die wenigsten Handwerksunternehmen etwas vorstellen. Danach kam die „Digitalisierung“.

handwerk-digital.nrw: Wie würden Sie Digitalisierung im Handwerk beschreiben/definieren?
Diebke: Bei der Digitalisierung des Handwerks sprechen wir meines Erachtens von der Einführung eines Dokumentenmanagements (papierloses Büro), einer Branchensoftware, einer Routenplanung, Website, Onlineshop (coronabedingt), Zeiterfassung auf der Baustelle, etc. Hier ist wahrscheinlich das größte Problem, die richtige Entscheidung bzw. Auswahl vor dem Kauf zu treffen, da die Vielfalt der auf dem Markt befindlichen Soft- und Hardwarelösungen sehr groß ist.

„Der Zeitmangel sich mit der Thematik auseinanderzusetzen, ist bei den meisten Betrieben der Hauptgrund.“

Wolfgang Diebke, BIT-Berater bei der Handwerkskammer Dortmund

handwerk-digital.nrw: Warum tun sich Handwerksunternehmen so schwer damit? Ist das Thema Digitalisierung zu „abstrakt“ für diese?
Diebke: Andere Themen sind aktuelle auch dringender wie zum Beispiel der Fachkräfte- oder Materialmangel. Man darf außerdem nicht vergessen, dass wir mitten in der Corona-Pandemie sind, was einen zusätzlichen Einfluss auf den Arbeitsalltag hat. Die Flutkatastrophe hat dann nochmals Ihren Beitrag dazu geleistet, dass die allgemeine Verunsicherung bei den Handwerksbetrieben gefestigt wurde. Grundsätzlich gilt: Aber ja, sie tun sich teilweise noch schwer mit der Digitalisierung und benötigen individuelle Unterstützung und Betreuung.

handwerk-digital.nrw: Welche Hürden oder Barrieren sehen Sie, damit ein Betrieb sich mit der Digitalisierung beschäftigt bzw. diese in Angriff nimmt?
Diebke: Der Zeitmangel sich mit der Thematik auseinanderzusetzen, ist bei den meisten Betrieben der Hauptgrund. Es ist schwierig, eine Entscheidung zu treffen, da es eine Vielzahl von Angeboten auf dem Markt gibt. Neben der Kostenfrage stellen sich vor allem zwei Fragen: Wer soll es machen und wer soll es in Zukunft betreuen, pflegen und weiterentwickeln. Die Handwerksunternehmen verfügen nicht über eigene IT-Abteilungen, so dass diese bei komplexen Themen outgesourcet werden müssen. Wie bereits vorher erwähnt, steht eben dann die Entscheidung an, welches Produkt oder Lösung man aus dem großen Angebotspool wählt.

handwerk-digital.nrw: Gibt es Gewerke/Branchen, die offener als andere für die Digitalisierung sind?
Diebke: Vielleicht sind es Gewerke, die mit der Industrie zusammenarbeiten. Hier werden Anforderungen von der Kundenseite gestellt, ohne die ein Handwerksbetrieb nicht Zulieferer wird – z.B. Modellbauer. Aber auch produktionsaffine oder die elektrotechnischen Gewerke sowie der Bereich SHK können als sehr offen für die Digitalisierung beschrieben werden. Ansonsten ist die Frage nach Offenheit häufig eine Frage der Persönlichkeit des Unternehmers.

handwerk-digital.nrw: Welche Fragen werden Ihnen von den Handwerksunternehmen hinsichtlich Digitalisierung oft gestellt?
Diebke: Vor dem Kauf einer Software oder IT-Infrastruktur wird oft nach Förderprogrammen gefragt, also welches Programm trifft auf meine Belange zu. Die Berater der Fachverbände und Handwerkskammer können Betriebe hierzu persönlich und individuell beraten.

„Lebt ein Unternehmen den digitalen Wandel und kommuniziert diesen auch klar nach außen, hat dies eine gewisse Strahlkraft, sodass das als Unternehmen als attraktive Arbeitgeber gesehen wird.“

Wolfgang Diebke, über die Bedeutung der Digitalisierung hinschichtlich Mitarbeitersuche

handwerk-digital.nrw: Durch den digitalen Wandel im Handwerk verändern sich Berufe und die Art zu arbeiten. Beispiele: Drohnen bei Dachdeckern oder Fahrzeuganalyse bei den Kfz-Mechanikern. Kann dies zugleich eine Chance sein, um junge Menschen für das Handwerk zu begeistern?
Diebke: Meines Erachtens gehören diese „Arbeitsmittel“ in Zukunft einfach dazu, um die anfallenden Arbeiten fachgerecht zu erledigen. Ich glaube nicht, dass ein junger Mensch Dachdecker wird, weil er dann mit Drohen arbeiten kann. Was jedoch durchaus denkbar ist, dass wenn er Dachdecker werden will, er sich den Betrieb aussucht, der modern aufgestellt ist und eventuell Drohnen im Einsatz hat. Lebt ein Unternehmen den digitalen Wandel und kommuniziert diesen auch klar nach außen, hat dies eine gewisse Strahlkraft, sodass das als Unternehmen als attraktive Arbeitgeber gesehen wird. Dies kann durchaus als Mittel genutzt werden, um Mitarbeiter zu gewinnen, aber auch zu binden.

handwerk-digital.nrw: Was können Handwerkskammern und Fachverbände unternehmen, um die Digitalisierung im Handwerk weiter voranzutreiben
Diebke: Mit der Beantwortung der Frage beschäftigen sich schon Fachleute vom Heinz-Piest-Institut und anderen renommierten, handwerksnahen Einrichtungen. Hier wurden Schaufenster, Kompetenzzentren und andere Ansätze etabliert, um die Digitalisierung voranzutreiben. Auch werden Weiterbildungs- und Schulungskonzepte immer weiter ausgearbeitet. Auch wir von der Handwerkskammer Dortmund bieten ein breites Angebot an Weiterbildungen und Veranstaltungen rund um das Thema Digitalisierung an. Es werden von Jahr zu Jahr mehr Termine. Im kommenden Jahr, sowie Corona es zulässt, wollen wir wieder unsere Messe Handwerk Digital stattfinden lassen, um so in der Region auf die Möglichkeiten, die die Digitalisierung für das Handwerk bietet, aufmerksam zu machen. Digitalisierung ist definitiv kein aktuelles Modethema oder Megatrend, sondern ist für alle Handwerksunternehmen ein wichtiger Faktor für den zukünftigen Erfolg.

Datum
19. August 2021
Bildquelle
© Chris Ralston/unsplash.com
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